Markt und Konkurrenz

Vollgeld: Geldschöpfung - Thema oder nicht?

Bewertung:  / 11
SchwachSuper 

Ist die Geldschöpfung durch die Banken nun ein wesentliches Problem, oder gar der zentrale “Baufehler im System“, oder nicht?  Kürzlich haben Benes und Kumhof -zwei Ökonomen vom IMF- zu einigen der schwierigsten Fragen ein spannendes Paper “The Chicago Plan Revisited[1]“ veröffentlicht und die alte Diskussion aus den 30er Jahren belebt. Auch der ehemalige Chefökonom der Deutschen Bank Thomas Mayer fordert[2] eine Veränderung des Geldsystems. Die Beiden IWF-Ökonomen plädieren in diesem lesenswerten und intensiv diskutierten Paper[3], für eine grundsätzliche Systemänderung hin zum “100%-Reserve-System“, aber dazu später. Der folgende Artikel hat drei Teile:

  1. Zusammenfassung zum Mechanismus der Geldschöpfung - Grundlage
  2. Eine kurze Übersicht zu den beiden Lösungsalternativen
  3. Übersicht zu den Argumenten

Im Anschluss würden sich Diskussionen zu den einzelnen Argumenten (stimmig oder nicht) und den potentiellen Auswirkungen einer Änderung auf die Menschen und den Bankenmarkt anbieten. Spannend wäre auch eine grundlegende Diskussion zur Frage, ob es sich hier um ein verkürtzte buchhalterische Diskussion aus der Perspektive der Bankbilanz handelt oder ob es sich auch um ein real ökonomisches Phänomen handelt. Der Artikel ist umfangreicher wie geplant, aber das Thema ist komplex und wir sollten daher auch die Diskussion in einzelne Punkte zerlegen.

A. Was ist Giralgeldschöpfung[4]? Geldschöpfung = Schaffung von Geld und das geschieht entweder durch die Zentralbanken (1) oder durch die Geschäftsbanken (2). Eine schrittweisere und genaue Erklärung findet sich in der Broschüre der Deutschen Bundesbank[5] auf deren Grundlage auch diese Zusammenfassung entstanden ist.

  1. Die Zentralbankgeldschöpfung ist simpel. Nur die Zentralbanken können Banknoten und Münzen in Umlauf bringen. Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten. (a) Die Geschäftsbank nimmt bei der Zentralbank einen Kredit auf und bekommt dafür Bargeld Die Kreditgewährung entspricht der Buchung einer Sichteinlage (Verbindlichkeit, Passiv) bei der Bank und einem Cash-Eingang auf der Aktivseite der Bank. Die Zentralbank bucht eine Forderung und eine Sichteinlage[6]. Die Abholung des Bargelds durch die Geschäftsbank reduziert die Sichteinlage der Geschäftsbank bei der Zentralbank. (b) Die Zentralbank kann einer Bank auch Vermögenswerte abkaufen um diesen zu Bargeld zu verhelfen. Der Gewinn der Zentralbanken entsteht nicht durch das Drucken des Geldes sondern durch die Zinsen auf die vergebenen Kredite und die Margen bei Vermögensankäufen.
  2. Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken. Die Geldschöpfung der Geschäftsbanken funktioniert analog. (a) Bei einer Kreditgewährung an einen Kunden verbucht die Bank den Kredit als Forderung und gleichzeitig eine Sichteinlage in der gleichen Höhe. Durch die Auszahlung des Kredits vermindert sich die Sichteinlage. Aber da das Geld wieder bei irgendeiner Bank auf dem Konto landet, kann hier vereinfacht das Beispiel von nur einer Bank im System genommen werden. Dann entsteht bei der Auszahlung des Kreditbetrags nur eine Umbuchung auf die Sichteinlage eines anderen Kunden. Die Einlage entsteht (buchhalterisch) makroökonomisch durch die Kreditvergabe, sowei ist das Argument der Kritiker des jetztigen Systems war. Später würde ich aber noch gerne diskutieren, ob das nicht zu kurz gegriffen ist. Entsteht die Einlage und der Kredit nicht, weil zuerst realwirtschaftlich ein Gut produziert wird und die Transaktion buchhalterisch abgebildet wird? (b) Bei der zweiten Option zur Geldschöpfung, dem Kauf eines Vermögens durch den Kunden laufen die Buchungen wie bei der Zentralbank (1,b). In beiden Fällen entsteht eine Bilanzverlängerung. Gesteuert wird die Menge der Geldschöpfung durch die Banken mittels der Mindestreserve und die Eigenkapitalbestimmungen (Basel II).Die Mindestreserve wird für jede Geschäftsbank aus der Höhe bestimmter Sicht-, Termin- und Spareinlagen, die Nichtbanken bei ihr auf Konten unterhalten. Bei drei Prozent, sind das bei Einlagen von 10 Millionen Euro, 300 TSD. EUR – und zwar in Zentralbankgeld. Um das Zentralbankgeld zu erhalten sind die Geschäftsbanken auf Kredite der Zentralbank oder verkaufbare Vermögenswerte angewiesen. Diese Kredite gibt es nur über Sicherheiten. Gesteuert wird als über die Mindestreserve und die Definition der erlaubten Sicherheiten. Zusätzlich gelten die “Basler Regelungen“, die das Kreditvolumen vom Eigenkapital abhängig machen.

B. In der Diskussion um mögliche Alternativen wird grob zwischen zwei Alternativen unterschieden. (1) Vollgeld oder (2) 100%-Reserve-System. Unter dem Sammelbegriff “100% Reserve System“ finden sich einige Ausgestaltungsoptionen, wie der Chicago Plan (1930er), bei denen es letztlich darum geht, dass die Mindestreserve auf 100% der Einlagen angehoben wird und somit das Geldschöpfungs-monopol beim Staat liegt. Auf der Kreditseite und die Rolle der Banken sowie deren Refinanzierungs-möglichkeiten gab und gibt es verschiedenen Optionen, die für die wirkliche Ausgestaltung essentiell sind, aber den Rahmen des ersten Artikels dazu sprengen würden. Auch die spannende und im Kern wesentlichste Frage der Transformation-(möglichkeit) in ein neues System lasse ich aus. Die zweite diskutierte Alternative ist das “Vollgeld“. Beim Vollgeld werden nicht zwei verschiedene Geldkreisläufe (Zentralbank-Bank und Bank-Kunden) geschaffen, sondern die Sichteinlagen werden von den Banken direkt zur Zentralbank verschoben und die Termineinlagen werden illiquide nicht transferierbare Schulden der Banken. Alle Zahlungen werden ausschließlich mittels Zentralbankgeld durchgeführt. Viele Details zu den weiteren Unterschieden finden sich bei Andrew Jackson[7].

C. Die Argumente gegen das bestehende System oder für eine der Alternativen lassen folgendermaßen zusammenfassen.

  1. Verstärkt die Wirtschafszyklen. In Boom Zeiten wird mehr Kredit vergeben und bei rückläufiger Konjunktur weniger. Dieser Effekt wird verstärkt, wenn die Banken in Aufwärtszyklen Ihre eigenen Kreditmittel schaffen können.[8]
  2. Stabilität im Bankensektor[9]. Die Möglichkeit von Bankenruns und die notwendige Einlagensicherung sind nur ein Thema bzw. Notwendigkeit, weil eben nicht jede Einlage 1:1 durch Zentralbankgeld abgesichert ist.
  3. Niedrige Verschuldung wäre möglich (Lösung der Staatsschuldenkrise) [10]
  4. Die Staaten machen sich bei der Finanzierung das Leben unnötig schwer. (a) In einem 100% Reserve System, müssten die Banken für Ihre Kredite Reserven erwerben und das Nettovermögen der Staaten würde steigen (Reserven sind eine Equity Position des Staats). (b) Aus den Gewinnen des Staats könnten die Schulden des Privatsektors gesenkt werden.
  5. Inflationsverursachend[11]: Bei einer Trennung der Geld und der Kreditfunktion könnte die wachstumsorientiere Inflation durch die Nationalbank auf 0% ausgesteuert werden. Die Geldmenge könnte direkt gesteuert werden, da es keine Abhängigkeit der Geldpolitik von der Kreditvergabe gibt und negativ Zinsen leicht implementierbar sind.
  6. Höheres Kreditvolumen. Aus dem Anreiz und der Möglichkeit mehr Kredite zu vergeben entstehen mehr Kredite und dadurch: (a) Instabilität im System (höherer Leverage) und  (b) Mehr Zinszahlungen für Alle und das führt zu Umverteilungseffekten zu den Reichsten und  (c) Wachstumszwang mit den Folgen für die Umwelt etc..
  7. Wettbewerbsverzerrung.  (a) Da die Banken einen “leichten“ Gewinn durch die Geldschöpfung machen können. (b) Da es zu Wettbewerbsvorteilen gegenüber Nichtbanken beim Kauf von Aktiva kommt. (z.B. Immobilien)[12]

 

So, dass war jetzt der Versuch das umfangreiche Thema auf zwei Seiten so zusammenzufassen, damit der Raum für die Diskussion aufgespannt wird. Bin gespannt. Die Diskussion der grundsätzlichen Frage, ob diese buchhalterische Perspektive die Relevante ist, der Vor-und Nachteile (stimmig) oder die möglichen Auswirkungen auf das Bankenwesen würde sich anbieten. Es schwingt letztlich auch die Frage mit, ob hier eine reine Staatslösung einer Marktlösung vorzuziehen ist. Mich würde auch interessieren, ob sich einige der Probleme nicht mit einer einfacheren Lösung in den Griff bekommen lassen.

 


[1]Jaromir Benes and Michael Kumhof, The Chicago Plan Revisited .Febr.11/2013, IWF Working Paper: www.imf.org/external/pubs/ft/wp/.../wp12202.pdf

[2]Thomas Mayer, 24. Juni 2013, Banish Fractional Reserve Banking for a real reform, Financial Times

[3]http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/vollgeld-iwf-forscher-spielen-radikale-bankreform-durch/7008170.html

[4]Häufig spricht man auch von Buchgeld, weil es nur in den Büchern der Banken erscheint. Im Unterschied zu Banknoten und Münzen ist das Buchgeld kein gesetzliches Zahlungsmittel. Dennoch wird es im Wirtschaftsleben allgemein akzeptiert. Dies beruht insbesondere darauf, dass das Buchgeld jederzeit wieder in Bargeld umgewandelt werden kann. Umkehrt wird Bargeld zu Buchgeld, wenn es auf ein Konto eingezahlt wird

[5]Http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Service/Schule_und_Bildung/geld_und_geldpolitik_kapitel_3.pdf?__blob=publicationFile

[6]Die Sichteinlagen der Geschäftsbanken auf den Konten bei der Zentralbank sind gemeinsam mit dem Bargeld das Zentralbankgeld.

[7]https://sovereignmoney.squarespace.com/s/The-Chicago-Plan-versus-PM-Proposals-2013.pdf

[8]Siehe IMF Seite 53 ff.

[9]Siehe IMF Seite 5

[10]Siehe IMF Seite 6

[11]Siehe IMF Seite 8

[12]http://www.monetative.de/aktuelles/2013/6/8/das-eigengeschft-der-banken-verstt-wegen-des-giralgeldschpfungsmonopols-der-banken-gegen-die-regeln-des-freien-wettbewerbes-und-den-gleichheitsgrundsatz-der-verfassung

Staat oder Markt?
16.11.13
Max

Ich möchte als ersten Punkt gerne das Thema: Stabilität im Bankensektor aufgreifen. Wäre jede Einlage zu 100% durch Zentralbankgeld abgesichert, müsste jeder vergebene Kredit einer Geschäftsbank mit einem Kredit der Zentralbank an die Geschäftsbank finanziert werden. Wenn Kredite ausfallen, wären die Einleger durch die Sicherheit der Zentralbank auf jeden Fall abgesichert. Es gäbe keine Bankruns, da die Zentralbank einer unbeschränkten staatlichen Einlagensicherung gleichkäme. Das Risiko von Bankkonkursen läge also zu 100% bei der Nationalbank und somit im öffentlichen Sektor. Das Risiko wird also von den Marktteilnehmern auf die Öffentlichkeit übertragen und könnte zu moral hazard Problematiken führen: Anleger wählen die Banken, die die höchsten Zinsen zahlen (und zugleich in aller Regel die höchsten Risiken eingehen), da die Einlagen auf jeden Fall gesichert sind. Folgen wären wohl generelle Instabilität durch höheren risikoappetit der Geschäftsbanken oder/und strengere Regulation.


Ich denke, dass die Frage der Geldschöpfung sehr fundamental ist, da Kreditvergabe durch Geschäftsbanken immer schon zugleich Geldschöpfung durch Geschäftsbanken bedeutet. Ein Kredit ohne gleichzeitiger Geldschöpfung ist theoretisch garnicht möglich. Eine 100% Reserve bedeutet am Ende, dass die Zentralbanken die Kreditvergabe kontrollieren, da sie als Gläubiger auch das Risiko tragen. Geschäftsbanken hätten dann einzig die Funktion von Geldausgabe-, bzw. Geldeinnahmestellen. Geldschöpfung gäbe es auch dann - nur mit einem zusätzlichen Schritt über die Zentralbanken.


Ich denke das Modell der 100% Reserve entspricht einem halbstaatlichen Bankwesen. Grundsätzlich geht es denke ich um die Entscheidung ob wir ein Privates auf Geschäftsbanken beruhendes Bankwesen wollen oder eben ein staatliches - mit dem natürlich die Geldschöpfung über die Kreditmenge reguliert wird. Einfacher wäre es sicher, das Kreditvolumen direkt zu regeln (vorgaben für Banken) oder den Mindestreservesatz zu variieren. Die 100% Reserve hat aus meiner Sicht nur den Zusatzeffekt, dass eine Staatsgarantie für alle Einlagen bei Geschäftsbanken existiert. Diese könnte aber auch ohne 100% Reserve einfach definiert werden.


Fazit: Es scheint mir wieder einmal um die Frage nach Staat vs. Markt zu gehen. Bin gespannt auf Antworten und Beiträge zu weiteren im Artikel genannten Problemfelden.



Markt versus Staat und Projektionsfläche
01.12.13
Ralf

Ja, im Kern geht es  um die Frage Staat versus Markt.


Dein Argument mit der Risikotragung stimmt (glaube ich). Wobei wir auch jetzt ein System der Risikotragung durch den Staat haben. Durch die Größe und den Vernetzungsgrad der Banken haben wir ja in der Krise gesehen, dass das Risiko letztlich auch im “dezentralen System“ beim Staat bleibt. Deswegen würde ich aber noch nicht für ein Vollgeld oder 100% Reserve System plädieren sondern dafür sorgen, dass “Bankrott“ auch möglich ist. Yellen´s (FED Chefin) Kommentar trifft es auf den Punkt “Since those firms do pose systemic risk to the financial system, we should be making it tougher for them to compete and encouraging them to be smaller and less systemic,” she added. “With respect to community banks,” Yellen continued. “We need a model for supervision of them that's different and much less onerous and has much less regulatory burden and is appropriate to their business model,..”


Beim Inflationsargument bin ich mir auch sehr unsicher. Das Argument, dass dann die wachstumsorientiere Inflation durch die Nationalbank auf 0% ausgesteuert werden könnte, kann ich technisch leider nicht genau nachvollziehen. Spannender finde ich die politische Frage ob die Nationalbank, dass dann auch tut. Die gewünschte Null-Prozent-Inflation kling nach einer theoretischen Forderung in einer Situation in der wir die Inflation brauchen um die Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen. Natürlich könnte theoretisch die Staatsverschuldung auch durch Steuern gesenkt werden, aber das ist politisch-demokratisch nicht gewollt.


Mir scheinen die Pro-Argumente (die sich wie eine Wunderwaffe lesen), stabileres nachhaltigeres Wirtschaftswachstum ohne Inflation bei geringerer Staatsverschuldung, eher wie eine Projektionsfläche für viele Wünsche und Themen. Das Thema Geldschöpfung ist jetzt mit Finanzkrise wieder populär geworden und dahinter steckt ein tiefes Misstrauen dem komplexen Geldsystem gegenüber. “Die Banken können Geld aus dem Nichts schöpfen“. Ich bin nicht überzeugt, dass ein zentrales System so viele Vorteile hat. Ich mag dezentrale konkurrierende kleine Systeme statt “große zentrale Knoten“ und mir scheint als ob mit ein paar einfacheren Maßnahmen (statt einem Systemwechsel) die zurecht artikulierten Probleme in den Griff bekommen werden könnten. Gut ist, dass sich mehr Menschen wieder diesem Thema widmen und darüber nachdenken.



Buchhalterische Abbildung ("Geldschöpfung") - ökonomischer Realitäten vs. Gelddrucken
14.12.13
Ralf

Einer der zentralsten Punkte fehlt mir noch in der Diskussion. Es wird ja öfter erwähnt, dass Banken hier einfach Ihr Geld drucken. Was aber wirklich passiert ist, dass einfach ökonomische Gegebenheiten buchhalterisch abgebildet werden. Ein Nicht-Banken Beispiel. Wenn sich drei Personen Ralf-Max-Fritz-Ralf Geld leihen und diese Transaktionen in Ihrer Buchhaltung verbuchen, dann sieht das so aus.


1. Ralf an Max 1 EUR
Ralf hat 1 EUR und gibt den an Max. Ralf hat eine Forderung gegen Cash gebucht (keine Bilanzverlängerung). Max hat Cash +1 und in den Verbindlichkeiten +1 (Bilanzverlängerung)
2. Max an Fritz 1 EUR

Max bucht in Cash -1 und in den Forderungen +1, die Verbindlichkeit an Ralf bleibt bei 1. Fritz bucht in Cash +1 und in den Verbindlichkeiten an Max +1 (Bilanzverlängerung)
3. Fritz an Ralf 1 EUR

Ralf hat in den Forderungen einen EUR 1 (Max) in den Verbindlichkeiten einen 1 EUR (Fritz) und in Cash ist der 1 EUR wieder da. Fritz bucht in Cash -1 und in den Forderungen +1 (Rald), die Verbindlichkeit (an Max) bleibt bei 1.


Wie sehen nun die Bilanzen aus?



  • Ralf: Forderung an Max: 1 und Verbindlichkeit an Fritz 1 (Bilanzverlängerung)

  • Max: Forderung an Fritz: 1 und Verbindlichkeit an Ralf 1 (Bilanzverlängerung)

  • Fritz: Forderung an Ralf: 1 und Verbindlichkeit an Max 1 (Bilanzverlängerung)


Da wir nicht konsolidieren. haben sich die Bilanzen um +3 erhöht (das Buchgeld ist um +3 gestiegen). Was aber wirklich passiert ist, ist das wir die Schulden die wir in der Zukunft mit unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit oder anderen Assets abbezahlen müssen, nun auch buchhalterisch abbilden. Ökonomische Realitäten wurden in die Buchhaltung übertragen.



Geldschöpfung, Fristentransformation und ALM
29.12.13
Max

Danke für die Erläuterung bez. Bilanzverlängerung. Es kommt hier ofensichtlich immer wieder zu Verwirrungen und zu einem Aufschrei wegen Geldschöpfung. Letztlich ist ja die Frage, wie eine Bank mit der Fristentransformation umgeht - und damit zugleich mit dem Asset-Liability-Management (ALM), das ja nichts anderes ist, als die Risiko-Ertrags-Relation in den Fristen zu optimieren. Wenn ich die Kreditfristen 1:1 in den Einlagenfristen abbilde (also jeweils einen Betrag x einem Kreditnehmer nur so lange garantiere, wie dieser Betrag x auch mir von meinen Einlagekunden gewährt wird), hat die Geldschöpfung gar keine andere Wirkung, als wenn der ursprüngliche Einlagekunde das Geld selbst ausgegeben hätte. Passiv und Aktivseite würden sich wechselseitig sperren. Der Kreditnehmer würde das Geld ausgeben. Der neue Geldempfänger würde es sparen (dadurch würde das Geld wieder gesperrt) oder selbst wieder ausgeben. Die verfügbare Geldmenge bliebe immer der Betrag x, da alle andere Guthaben (also das geschöpfte Geld) gesperrt wäre. Allenfalls würde die Umlaufgeschwindigkeit (der Umsatz bei gegebener Geldmenge) steigen. Erst wenn Geld abgezogen werden kann, das durch die Bank bereits als Kredit vergeben wurde, kommt es zu Problemen (Bankrun). Es ist also nicht die Geldschöpfung selbst das problematische, sondern der Umgang mit den Fristen der Banken (Goldene Bankregel) durch das ALM. Es wird mehr Kredit (bzw. Finanzanlagen) vergeben, als die Fristen passivseitig zulassen. Da die Zinsen auf kurze Fristen niedriger sind als auf lange (yield Curve) kann eine Bank den Ertrag steigern (steigende Bruttozinsspanne), wenn sie die aktivseitige Fristigkeit ausdehnt. Mit dieser sehr üblichen ALM-Strategie (Fristentransformation) steigt das Zinsrisiko der Bank.



Kleine, dezentrale konkurrierende Systeme
29.12.13
Max

Diese Frage finde ich sehr spannend, da dezentrale Systeme individuelle, regionale und kulturelle Unterschiede ermöglichen und sich der "sozialen Landschaft" einfügen können. Das können grosse Strukturen nicht - oder nur sehr schlecht. Bei grossen zentralisierten Systemen (z.B. Oligopolen) ist die Regulation massgebend. Das ist nicht nur im Finanz- sondern auch im Lebensmittelbereich zu beobachten. Die Regulation ist hier einfach nötig, da das soziale Korrektiv fehlt. Es gab in den letzten Jahren mehrere Lebensmittelskandale, die oft im industrieller Nahrungsmittelherstellung zu tun hatten - aber natürlich nicht nur. Das Thema im Finanzbereich ist in dem Beitrag "Regulation und Effizienz" näher beschrieben. Da dezentrale Systeme in der Regel an einer bestimmten Menschengruppe, Region,... anknüpfen und in der Regel auch aus ihr entstanden sind, herrscht diesen Gruppen gegenüber eine gewisse Verbindlichkeit. Diese Verbindlichkeit hat regulatorischen Charakter, geht aber nicht von Regulationsbehörden aus. Dadurch sind kleinere Strukturen tendenziell risikoaverser, bzw. können das eingegangene Risiko durch den persönlichen Bezug besser einschätzen als das in zentralen Strukturen möglich ist.


Es gibt noch einen zweiten Grund, warum dezentrale Strukturen stabiler sind: Kleine Institute können in Konkurs gehen ohne, dass der Staat rettend eingreift. Das ist bei zentralen Strukturen nicht möglich. Diese Tatsache aber hat zwei Aspekte: erstens steigt die Risikoaversion durch die Möglichkeit des Konkurses. Andererseits stabilisiert sich das System ständig selbst, indem "schlechte" Marktteilnehmer vom Markt verschwinden.


Insgesamt sind nach meiner Einschätzung kleine Strukturen robuster als zentralisierte. Die Frage ist natürlich, ob sie auch effizienter sind. Diese Frage ist schon schwerer zu beurteilen. Einerseits führt eine schlankere Regulation gepaart mit stärkerem Vertrauen zwischen den Marktteilnehmern zu höherer Effizienz. Andererseits sind die Skalierbarkeit von Produkten und die Skalenerträge von Infrastrukturen begrenzt. Zu beobachten sind aber Zusammenschlüsse in den Bereichen Compliance oder IT-Infrastrukur.



Zur Fristentransformation
02.01.14
Ralf

so ganz ist mir der Effekt bezüglich deiner vorletzten Antwort noch nicht klar. Mir ist klar, dass die Fristentransformation (und das Risiko der Bank) der limitierende Faktor ist und auch über den Zinsgewinn in der Geldschöpfung entscheidet. Aber wie meinst du "Die verfügbare Geldmenge bliebe immer der Betrag x, da alle andere Guthaben (also das geschöpfte Geld) gesperrt wäre".


Anbei mein Beispiel:


 


 


Eine weitere Frage ist der Effekt, dass die Bank Ihre Liquidität durch den Verkauf von Krediten an die Nationalbank je wieder optimieren kann. Das erhöht ja dann wieder das "Schöpfungspotential der Bank. Steuernd greift die Nationalbank ein, indem Sie definiert, welche Kredite als Sicherheiten akzeptiert werden.....



Geldschöpfung, Fristentransformation und ALM
17.01.14
Max

Danke für das Beispiel, das die Situation gut darstellt. Real hat lediglich ein Wohnungstausch stattgefunden. Jetzt wohnt X in der Wohnung. Und das Eigenkapital des ursprünglichen Eigentümers ist in Cash umgewandelt. Wenn die goldene Bankregel vollständig eingehalten ist, dann muss der Wohnungsverkäufer den Verkaufserlös so lange fest anlegen, wie die Laufzeit des Kredites beträgt, sonst könnte (unter Berücksichtigung der Fristigkeit) Bank B das Guthaben nicht mit der dem Kredit entsprechenden Laufzeit an A verleihen. Ungewohnt ist für uns die Vorstellung, dass bei der Vergabe eines Kredites auch die Laufzeit der Passiven ändern muss. Unsere Annahme sagt im Wesentlichen nichts anderes aus, als dass die Duration auf beiden Bilanzseiten zu jeder Zeit genau übereinstimmt. Ich denke so weit stimmen wir auf jeden Fall überein. Die Geldschöpfung findet je nach Laufzeiten möglicherweise statt - aber nicht in Form von Cash (bzw. M1) sondern in Form von gebundenen Guthaben (M2 oder M3). Allerdings sind auch in M3 längere Laufzeiten in der Regel ausgenommen (M3 berücksichtigt - je nach Land - Guthaben und geldähnliche Bestände mit Laufzeiten bis 3 oder 4 Jahren). D.h. Guthaben mit Laufzeiten > 4 (bzw. 3) Jahren zählen nicht mehr zur Geldmenge. Mit gesperrt meinte ich, dass diese Guthaben nicht abgerufen und daher nicht für Transaktionen eingesetzt werden können. Es handelt sich dabei also nicht einmal um Geld im üblichen Sinn. Im Beispiel von dir: Alle Positionen ausser Cash und EK bräuchten bei längeren Kreditlaufzeiten eine Frist > 4 Jahre. Als Geld im üblichen Sinn bliebe also nichts übrig, als das, was schon da war. Die Geldmenge ist trotz Bilanzverlängerung und Kreditvergabe konstant.


Was trotzdem funktioniert, ist die Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit. Aber da können wir ja später mal drauf eingehen.


Ein Verkauf des Kredites an eine Zentralbank scheint mir in diesem Fall eine Umgehung der Fristenkongruenz. Und die ist gemäss unseren Annahmen unzulässig ;-) Im Ernst: durch den Ankauf eines Kredites (ähnlich wie durch den Kauf von Staatsanleihen) bringt die Zentralbank aktiv neues Geld in den Markt. Das ist aber aus meiner Sicht ein Geldpolitisches Instrument, das nicht als Geldschöpfung zu betrachten ist.


Das alles ändert sich natürlich schlagartig, wenn der Markt von der Fristenkongruenz abrückt und zugunsten eines zusätzlichen Ertrages Zinsrisiken durch unterschiedliche Laufzeiten auf den Bilanzseiten eingeht.


 



Fristentransformation
24.01.14
Ralf

Ja, dann sehen wir das gleich. Mir scheint noch wichtig zu erwähnen, dass die Fristentransformation nicht nur als Risiko sondern auch Qualität der Bank wahrgenommen wird. Es ist eine der zentralen Aufgaben von Banken und gehört mit Maß und Ziel betrieben, dazu. (Risikofreie Risikotransformatoren?) Dein Punkt mit der steigenden Umlaufgeschwindigkeit des Geldes würde mich interessieren oder meinst du den einfachen Punkt, dass schlecht mit jeder Transaktion aus dem Beispiel natürlich auch die Geldmenge in Bewegung kommt? Aber das scheint ja nicht auszureichen, da gleichzeitig die Geldmenge steigt? Freue mich auf dein Kommentar.



Umlaufgeschwindigkeit vs. Geldmenge
02.02.14
Max

Im Beispiel bleibt unter der Einschränkung, dass keine Fristentransformation stattfindet, die Geldmenge konstant (die Geldmengenbegriffe umfassen keine Guthaben mit Laufzeiten > 4 bzw. 3 Jahren). Und wenn ein Kredit längere Laufzeiten hat, ist das gebundene Guthaben nicht mehr Teil der üblichen Geldmengendefinitionen. Zugleich wird aber das Geld umgewälzt. D.h. das Geld, das jemand spart und vorerst nicht benötigt, kommt durch den Kredit wieder in Umlauf. Es kommt zu Transaktionen, die ohne den Kredit nicht stattgefunden hätten. D.h. das Kreditvolumen wird ein mal umgewälzt, wodurch die Umlaufgeschwindigkeit steigt. Das aber unter der Voraussetzung, dass durch den Kredit Transaktionen getätigt werden, die sich im BIP wiederfinden. Die Formel für die Umlaufgeschwindigkeit lautet: V1 = Y/M1 was so viel heißt als: die Umlaufgeschwindigkeit (V) der Geldmenge M1 steigt mit dem BIP und sinkt mit steigender Geldmenge M1. Im Beispiel des schieren Eigentümerwechsels von Wohneigentum verändern sich weder Umlaufgeschwindigkeit noch Geldmenge. Allenfalls die pekuniären Transaktionskosten des Eigentumsübergangs finden sich in V wieder - aber die sind ja im Beispiel ausgenommen. Man kann es sich folgendermaßen vorstellen: Wenn ein Unternehmen den Lagerbestanderhöht und das Lager zu Einstandspreisen bewertet, verändert sich nichts in der Erfolgsrechnung. Es handelt sich um einen Aktivtausch. Da die VGR die Buchhaltung für einen ganzen Staat ist, ist ein Eigentümerwechsel einer Wohnliegenschaft aus Sicht der VGR (und auch der betroffenen) nichts anderes als ein "Aktivtausch".


Bei einem Unternehmerkredit, der mit der Kreditsumme bespielsweise MitarbeiterInnen bezahlt sieht die Sache völlig anders aus. Wenn der Kredit z.B. eine Kontokorrentlimite ist und innert 3 Monaten fällig gestellt werden kann passiert folgendes: aufgrund der kurzen Laufzeit steigt die Geldmenge (vermutlich M2) um den Kreditbetrag. Da zugleich das Geld BIP-wirksam eingesetzt wird, steigt auch das BIP. Im einfachen Beispiel bliebe die Umlaufgeschwindigkeit V2 also gleich. V1 aber würde steigen, da das BIP steigt und M1 konstant bleibt.


Wieder anders sieht es bei einem langfristig gewährten Unternehmerkredit aus. Dann bliebe die Geldmenge konstant, da die gebundenen Gelder in keiner Geldmengendefinition mehr vorkämen. Das BIP würde steigen, da Löhne bezahlt werden. Daher würden die Umlaufgeschwindigkeiten V1 bis V3 steigen.


Man könnte noch x weitere Beispiele durchgehen und z.B. die Fristentransformation wieder zulassen. Dann ergäben sich wieder andere Konstellationen. Was aber deutlich ist, dass bei Ausblenden der Fristentransformation unter der Bedingung langer Laufzeiten die Umlaufgeschwindigkeit konstant bleibt, oder steigt und die Geldmenge sich nicht verändert.


Erst bei kurzen Laufzeiten ändert sich die Geldmenge. Hier gilt jedoch die Einschränkung, dass die Geldmenge zwar steigt, aber wenn keine Fristentransformation stattfindet, nicht verfügbar ist. Selbst wenn das Geld auf dem Konto nur 3 Monate gebunden ist, kann ich es drei Monate nicht einsetzen.


Im übrigen stimme ich dir vollkommen zu, dass die Bewirtschaftung der Fristentransformation teil der Aufgabe einer Bank ist. Die Beispiele sollten ja nur illustrieren, dass das problem nicht in der Geldschöpfung liegt, sondern in der Fristentrnasformation. Ich würde sogar noch weiter gehen: Ich behaupte sogar, dass die Zunahme der Geldmengen - bzw. die Geldschöpfung viel fundamentalere Themen zum Vorschein bringt: die zunehmende Verschuldung und die zunehmende Vermögensbildung. In diese Bereiche fallen für mich:


1. Zunahme der Staatsschulden


2. Kapitalakkumulation durch die globale Einführung des Kapitaldeckungsverfahrens bei Pensionskassen.


3. Die zunehmende private Vermögensbildung (bzw. zunehmende private Verschuldung)


Um nur drei zu nennen. Insgesamt zeigt sich also eine enorme Ausdehnung der Bilanzsummen der Banken und Vermögensverwalter und zugleich eine enorme Ausweitung des Anteils von Kapitalkosten am BIP. Das wäre ein weiteres spannendes Thema...



Risiko * Verschuldung
02.02.14
Ralf

danke für die Ausführung. Ich stimme dir voll zu. Der Knackpunkt ist das Risiko im System und das wird unter Anderem durch das höhere Ausmaß an Fristentransformation und die höhere Verschildung bestimmt. Die Umverteilungsaspekte sind auch extrem relevant (spannend dazu eine Erkentnis in Davos, dass die zunehmende Umverteilung das größte Risiko ist). Ich würde diese Punkte aber neuen Diskussionen zuführen.


 


 



Beitrag zur Vollgeld-Diskussion hier
31.08.14
Christian Felber

Liebe Ralf,

lieber Max!


 


Endlich komme ich nach mgeadichten Monaten dazu, mich in die Diskussion einzuklinken. Als Ausgleich für mein langes Fernbleiben werde ich nicht nur etwas ausführlicher schreiben, sondern vor allem die InitiatorInnen der Vollgeld-Reform und der aktuellen Volksinitiative in der Schweiz zur weiteren Diskussion auf diesem Blog einladen.


 


Meinen (ersten) Beitrag möchte ich wie folgt gliedern:


1. Sachliche Anmerkungen zur Analyse


2. Allgemeine Bemerkungen zur bisherigen Diskussion


3. Behandlung einzelner Diskussionspunkte


4. Zusätzliche Argumente zur Vollgeld-Reform


 


1. Sachliche Anmerkungen zur Analyse:


- Bei den Varianten a) und b) der Zentralbankgeldschöpfung vermisse ich c) Buchgeldschöpfung durch die Zentralbank. Meinem Verständnis nach sind sowohl Mindest- und Überschussreserve als auch die Marktinterventionen wie die „Dicke Berta“ Buchgeldschöpfungen durch die Zentralbank.


- „Entsteht die Einlage und der Kredit nicht, weil zuerst realwirtschaftlich ein Gut produziert wird und die Transaktion buchhalterisch abgebildet wird?“


An dieser Stelle (Ralfs Aufschlag) vermisse ich die Option der Kreditvergabe zum Zweck der Spekulation. Später beim Beispiel Max-Fritz-Ralf sehe ich den „realwirtschaftlichen“ Vorgang nicht, das Beispiel ist für mich ein klassischer Kreditvergabevorgang, der auch buchhalterisch abgebildet wird. Außer, es ist gemeint, dass vor der Eurowanderung zwischen den Dreien Güter gewandert oder Leistungen geflossen sind – was ich vermute. Dann bleibt nur mein erster Einwand, dass Krediten, die Spekulationszwecken dienen, keine realwirtschaftlichen Leistungen vorausgehen.


- „Bei der zweiten Option zur Geldschöpfung, dem Kauf eines Vermögens durch den Kunden laufen die Buchungen wie bei der Zentralbank (1,b).“


Soweit ich verstanden habe, geht es um den Ankauf von Vermögenswerten durch die Bank, nicht durch die KundIn. Die Bank erwirbt einen Vermögenswert, den sie auf der Aktivseite in die Bilanz nimmt, und schreibt auf der Passivseite der VerkäuferIn ein entsprechendes Sichtguthaben gut: Die Bilanz ist verlängert, die Geldmenge erhöht.


- „Dies beruht insbesondere darauf, dass das Buchgeld jederzeit wieder in Bargeld umgewandelt werden kann.“


Nur in Stabilitätszeiten. Beim Bankrun oder bei Insolvenz geht das nicht.


- „Ein Kredit ohne gleichzeitiger Geldschöpfung ist theoretisch garnicht möglich.“


Ich meine schon, das landläufige Bild der Tätigkeit einer Bank entspricht einer geldschöpfungsfreien Kreditvergabe: Die Bank vergibt einen Kredit in Form von Bargeld an eine KundIn: Auf der Aktivseite findet ein Aktivtausch/eine Umbuchung von Kassabestand in Kreditforderung statt, auf der Passivseite tut sich gar nichts: keine Bilanzverlängerung und keine Geldschöpfung. Weil der Kredit direkt aus der Kassa ausbezahlt wird (klassisches Bild der Bank/des Goldschmieds). Nur wenn der Kredit zuerst als Sichtguthaben verbucht wird, verlängert sich die Bilanz (zusätzliche Forderung auf Aktivseite, zusätziches Sichtguthaben auf Passivseite) bis zur Auszahlung. Nach der Auszahlung in bar ist die Bilanz wieder verkürzt. Im Unterschied zur unbaren Kreditvergabe: Das unbare Girokontoguthaben landet auch bei Verwendung sofort wieder auf einem anderen Girokonto (wie von Ralf beschrieben). Die Bilanz wird im System verlängert. Deshalb spricht mensch auch von „Giralgeldschöpfung“.


 


2. Allgemeine Bemerkungen zur bisherigen Diskussion


Soweit ich die vorgebrachten Argumente erfasst habe, beziehen sie sich allesamt auf 100% money und nicht auf die Vollgeld-Reform. Das erschwert die weitere Diskussion, weil sich beide Ansätze doch in wesentlichen Punkten unterscheiden. Zum Beispiel ist beim Vollgeld die Insolvenz von Geschäftsbanken nicht nur unverändert möglich, sondern sogar erwünscht (da heute bei den Systemrelevanten nicht oder nur teilweise der Fall). Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Ansätzen besteht darin, dass es bei 100% money keine Bankruns mehr gäbe. Bei Vollgeld sind Bankruns sehr wohl denkbar, weil geschützt wären nur die heutigen Girokontoguthaben, nicht jedoch Sparguthaben.


 


3. Einzelne Debattenaspekte


 


a) Markt vs. Staat?


Dass 100% Reserve bedeutet, dass das Insolvenzrisiko auf den Staat übergeht, kann ich nicht bestätigen. Meine Intuition sagt mir, dass, wenn das tatsächlichso wäre, dies das zentrale Argument gegen die Reform wäre: Kreditsozialismus. Mein (geringes) Verständnis von 100% money: Der Staat schützt nur die Bankeinlagen, aber nicht die Bank. Ich habe außerdem noch gar nicht verstanden, wie eine 100%-ige Mindestreserve für Banken leistbar wäre, müssten sie nicht ihre Kredite bei der Zentralbank in diesem Umfang besichern? Liefe das nicht auf volle Eigenkapital-Deckung der Einlagen hinaus – über den Umweg besicherter Zentralbankkredite?


Jedenfalls wäre ich strikt gegen jede Reform, durch die das gesamte Kreditrisiko an den Staat/die Allgemeinheit überginge. Bei der Vollgeld-Reform weiß ich sicher, dass es nicht so ist – die Insolvenzoption für Banken ist vollständig gegeben – und nur deshalb unterstütze ich sie. Die Vollsozialisierung des Kreditrisikos wäre ein K.O.-Kriterium für eine Geldreform.


Von daher handelt es sich, zumindest was die Vollgeld-Variante betrifft, auch nicht um eine Frage „Staat oder Markt“ im hier bisher diskutierten Sinne. Sehr wohl handelt es sich um eine Trennung der Geldversorgung (Staat, zentral) und Kreditversorgung (Markt, dezentral). Das ist allerdings beim Bargeld heute auch schon so, ohne dass dies als „zentralistisch“ oder „etatistisch“ angesehen würde. Im Gegenteil: es wird als selbstverständlicher Teil einer liberalen Infrastruktur angesehen: Der Staat stellt den MarktteilnehmerInnen eine unverzichtbare Infrastruktur – (Voll-)Geld – zur Verfügung, damit diese gleichen Gebrauch davon machen können und nicht von mächtigen privaten GeldausgeberInnen abhängig werden. Das Schmiermittel „Geld“ schmiert am freiesten, wenn es vom Staat zu gleichen Bedingungen für alle zur Verfügung gestellt wird.


Die Kreditvergabe kann (überwiegend) Sache des Marktes bleiben/werden, allerdings im Rahmen strenger staatlicher Regulierung, dazu später mehr.


 


b) zentral vs. Dezentral


In diesem Sinne sagt die Vollgeld-Reform per se nichts über Skalierung des Bankensektors aus, Vollgeld ist mit einem dezentralen Netz von Genossenschaften und Sparkassen genauso möglich wie mit systemrelevanten Universal- und Investmentbanken. Ich plädiere a) aus Gründen der Stabilität und Resilienz sowie b) der Verhinderung von Machtkonzentration wie Ralf für ein dezentrales, diverses Bankensystem.


 


4. Einige zusätzliche Argumente


Nach einigen Diskussionen mit ÖkonomInnen vermeine ich den Hauptwiderstand gegen die Vollgeld-Reform verstanden zu haben: Die Vollgeld-Reform verspricht eine Reihe von Vorteilen, doch das Hauptversprechen – höhere Stabilität durch einen antizyklischen Effekt auf die Kreditvergabe durch Banken – wird von KritikerInnen angezweifelt. Dadurch geraten alle anderen – unwidersprochenen – Vorteile in den Hintergrund. Und die Reform hat insgesamt einen schweren Stand. Sehen wir uns die wichtigsten Pro-Argumente noch einmal an:


 


a) Höhere systemische und damit konjunkturelle Stabilität


Dieser (Haupt-)Vorteil ist umstritten, auch wenn er durch die IWF-Studie bestätigt wurde. Eine Grundannahme der ReformerInnen ist, dass durch die Möglichkeit des Kreditsektors, nicht nur Kredite zu vergeben, sondern auch den Rohstoff dafür selbst zur Verfügung zu stellen (Kredit- oder Giralgeldschöpfung) und unbegrenzt zu vermehren, zwei positive Rückkoppelungen auslöst: 1. Im Boom werden mehr Kredite nachgefragt, sowohl realwirtschaftliche als auch vor allem Finanzkredite. Zugleich ist die Bonität aller KreditnehmerInnen in der Konjunktur besser, was die Kredite verbilligt. Drittens ist die Risikobereitschaft im Boom höher, was die Nachfrage weiter erhöht. Auf diese Weise verstärken Banken, wenn sie jede Nachfrage decken (oder sogar zusätzlich wecken) das Aufblähen der Finanzblase. Die Geldmenge steigt im Boom schneller als das BIP. 2. Die Banken beteiligen sich auch selbst am Wertpapierkauf und -handel, indem sie mit (selbst geschaffenem) Buchgeld Wertpapiere aufkaufen. Sobald deren Rendite oder Wiederverkaufserlös höher ist, als die Sichteinlage kostet, rentiert sich die Verstärkung der Spekulation durch die Banken. Nach der Vollgeld-Reform können Banken dies nicht mehr, weil sie Wertpapiere nur mit Vollgeld, das bereits auf ihrer Aktivbilanzseite ist, kaufen können, aber nicht mit einem Sichtguthaben, mit einer Schuld. Dadurch eintfällt ein Beitrag der Banken zur Blasenbildung und Geldmengenerhöhung: das Hauptversprechen der Vollgeld-Reform ist wenigstens teilweise zutreffend.


Teil eins des Hauptversprechens ist hingegen umstritten. Denn der spekulations- und inflationsdämpfende Effekt einer Vollgeldreform über die Steuerung der Geldmenge kann nur in zwei Fällen eintreten: erstens wenn der Rohstoff Geld im Boom entweder teurer wird oder unverfügbar. Unverfügbar hieße „Kreditklemme“, weil der Bankensektor kein Vollgeld für alle Kreditnachfragen zur Verfügung hätte. Die Vollgeld-ReformerInnen „entkräften“ diesen Einwand, indem sie sagen, dass die Zentralbank gleich wie heute die Banken mit zusätzlichen Vollgeld-Krediten versorgen könnten, um eine etwaige Kreditklemme zu verindern. Hier, im Falle einer boominduzierten Knappheit des Geldangebots, hätte sie jedoch die Möglichkeit, die Zinsen für zusätzliches Geld zu erhöhen, um gegenzusteuern und den Boom abzukühlen. Offen ist für mich, wie sich nach einer Vollgeld-Reform Kredit- und Sparzinsen entwickeln würden, wie Nachfrage nach Krediten und Angebot von Spareinlagen über die Marktzinsen koordiniert würden. Eine Sichtweise ist, dass Kredit- und Sparzinsen steigen würden, wenn im Boom die Kreditnachfrage steigt; eine andere, dass durch die ausgelöste massige Umschichtung von unverzinsten Spareinlagen auf Geldkonten (außerhalb der Bankbilanz) auf verzinste Sparanlagen (in der Bilanz) die Sparz- und Kreditzinsen fallen würden. Die Entwicklung des Marktzinsniveaus und damit zusammenhängend die Plausibilität des Versprechens einer antizyklischen Wirkung der Vollgeld-Reform auf die Kreditvergabe im Boom ist somit nach meinem derzeitigen Verständnis unsicher. Weitere Diskussion bzw. Modell-Simulationen hierzu würden mich interessieren.


Mein persönlicher Einwand gegen die mit einer Vollgeld-Reform verbundenen Hoffnungen ist, dass, selbst wenn der Effekt steigender Zinsen einträte, dies in einem Universalbankensystem für alle Kredite gelten würde, auch für realwirtschaftliche Investitionen. Das wäre nicht sinnvoll. Eine mögliche Differenzierung könnte durch ein Trennbankensystem erreicht werden: Die Zentralbank verteuert die Refinanzierung für Investmentbanken oder lässt sogar eine Kreditklemme bewusst zu (dazu dürfte es keine systemrelevanten Investmentbanken geben), während sie Retail-Banken weiterhin günstig refinanziert.


Für noch effektiver halte ich jedoch eine klarere Regulierung der Kreditvergabe: ein völliges Verbot für Finanzkredite (zum Kauf von Wertpapieren) sowie die relative Vergünstigung nachhaltiger und ethischer Kredite. Müsste ich mich entscheiden zwischen einer Vollgeld-Reform und einer direkten Kreditregulierung, würde ich für zweitere plädieren.


Da aber die Vollgeld-Reform weitere, weit weniger diskutierte Vorteile bietet, unterstütze ich sie neben meinem Eintreten für eine klarere Kreditregulierung und unabhängig vom Versprechen der Stabilisierung des Geldsystems und der Verhütung von Wirtschaftskrisen.


 


b) Antizyklische Geldpolitik in der Rezession


Das antizyklische Potenzial von Vollgeld in der Rezession (wie seit 2008) ist aus meiner Sicht eindeutiger: Schrumpft die Wirtschaft, kann die Zentralbank die Geldausgabe überproportional erhöhen und somit die staatliche Nachfrage stärken, was gegen die Rezession gegensteuert. Im heutigen Schuldgeldsystem geht das nicht, weil auch der billigste Kredit nicht aufgenommen wird, wenn die – öffentliche oder private - Nachfrage fehlt. („Die Geldpolitik ist wie ein Seil: Man kann daran ziehen, aber nicht stoßen.“) Im Boom kann die Geldversorgung zuückgefahren werden. Ganz nach dem Keynes-Muster in der Fiskalpolitik. Geld- und Fiskalpolitik könnten hier an einem Strang ziehen. In diesem Punkt überzeugt (mich) die Vollgeld-Reform.


 


c) Geld kommt schuld- und zinsfrei in Umlauf


Damit sind wir bei einem weiteren unumstrittenen Vorteil: Im Vollgeld-Regime kommt Geld als Geschenk der Zentralbank an die Allgemeinheit in Umlauf: als Gabe in die Staatskasse. Der Staat kann um diesen Betrag die Staatsausgaben erhöhen, Schulden tilgen oder Steuern senken. Systemisch ist mir das eindeutig sympathischer als dass dass das neues Geld zwingend mit Zins und Schuld belastet ist.


 


d) Unglaublicher Umstellungsgewinn


Im Zuge der Systemumstellung werden zunächst die Sichteinlagen auf Geldkonten ausgelagert, was die Passivseiten der Bankbilanzen verkürzt. Die Verbindlichkeiten gegenüber den SparkundInnen werden umgebucht in Verbindlichkeiten gegenüber der Zentralbank – so als wäre das Giralgeld/Bankengeld/Buchgeld ursprünglich von ihr gekommen und hätte nicht einfach von den Banken geschöpft werden können. Deshalb migriert der Inhalt der Geldkonten auch als Verbindlichkeit in die Zentralbankbilanz. Die (den Geldkonten) gegenüberstehenen Kreditforderungen auf den Aktivseiten der Geschäftsbanken werden im Zuge der Tilgung offener Kredite umgebucht in Forderungen gegen die Zentralbank, die mit den Verbindlichkeiten ihr gegenüber verrechnet werden können - es kommt zur Bilanzverkürzung bei den Geschäftsbanken. Zur Bilanzverlängerung hingegen kam es bei der Zentralbank: Die Verbindlichkeiten der Geschäftsbanken scheinen zunächst auf der Aktivseite auf, die ausgelagerten Geldkontobestände wie geschrieben auf der Passivseite – die Zentralbank steht für das Vollgeld in der Pflicht. Durch die Verrechnung = „Rückzahlung“ der Verbindlichkeiten der Geschäftsbanken, wird allerdings die Aktivposition in der Zentralbankbilanz „frei“. Die Vollgeld-Reformer schlagen vor, dem ausgegebenen Buchgeld auf der Passivseite einen Kredit an den Staat auf der Aktivseite der Zentralbankbilanz gegenüberzustellen, der nicht rückzahlbar ist. Denn die ausgegbene Vollgeldmenge ist kein Kredit, sondern ein Geschenk – wäre es von der Zentralbank geschöpft worden, an den Staat. Da die Giralgeldmenge in Österreich rund 80% der Staatsschulden ausmacht, könnte die Staatsschuld um diesen Anteil gesenkt werden, in Deutschland eine ähnliche Größe, in der Schweiz könnte die gesamte Staatsschuld getilgt werden.


In Zeiten, in denen die Diskussion um die Staatsschulden einen großen Platz in der politischen Diskussion einnimmt, ist es eigentlich unglaublich, dass ein Vorschlag, der die Reduktion der Staatsschulden um 80% oder sogar 100% bewirken würde, vollständig ignoriert wird. Bisher ist mir keine Widerlegung dieses Vorteils bekannt.


 


Soweit für heute,


Vollgeld-Reform und Bank für Gemeinwohl ahoi!


Christian


 


 


 




Kommentar hinzufügen

Dein Name:
Betreff:
Kommentar (Du kannst hier HTML-tags verwenden):