Transparenz

DIALOG: Transparenz und Vertrauen

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Lieber Max,
Ein spannender und schöner Artikel.
Vertrauen ist in der Tat ein zentrales und lohnendes Thema und die Verbindung zur Seinsvergessenheit gefällt mir. Die ökonomischen Fragestellungen zum Vertrauen waren sowohl bei meiner Diplomarbeit zentral und sind es auch bei meinem laufenden Projekt "Dissertation". Daher freue ich mich besonders auf diesen Dialog. Vertrauen ist in der Ökonomie und der Soziologie ein zentraler Begriff und über seinen Verwandten „Glauben“ auch in der Metaphysik zu finden. “Glaube ist, vielmehr tiefstes wagemutiges Vertrauen. Sein Gegenteil ist nicht Zweifel, sondern Furchtsamkeit. Angst und Furchtsamkeit aber sind die Lebenselemente des Ego, das der Selbsttäuschung des Abgetrennt seins vom Ganzen sein Scheindasein verdankt…“[1].
In der Soziologie wird häufig die Definition von Niklas Luhmann zitiert, wonach Vertrauen ein „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ und zudem eine „riskante Vorleistung“ sei. Dort, wo die rationale Abwägung von Informationen – aufgrund unüberschaubarer Komplexität, wegen Zeitmangels zur Auswertung oder des gänzlichen Fehlens von Informationen überhaupt – nicht möglich ist, befähige Vertrauen zu einer auf Intuition gestützten Entscheidung“[2]
Vertrauen spielt in der ökonomischen Bankenliteratur eine zentrale Rolle. Durch Informationsasymmetrien zwischen Vertragspartnern und den Kosten der Informationsbeschaffung weicht der Marktmechanismus vom erwarteten Optimum ab. Akteure nutzen Informationsasymmetrien aus. Banken sind als Intermediäre effizient im Überkommen dieser Informationsprobleme, welche in der Principal - Agenten Literatur[3] ausführlich behandelt werden. Die Prinzipal Agenten Konstellationen sind im Bankenbereich vielfältig. So nimmt die Bank im Kreditgeschäft die Rolle des Eigentümers (Principal) ein und der Kreditnehmer ist der Agent. Im Einlagenbereich drehen sich diese Positionen um und die Bank wird zum Agenten. Gleiches gilt im Verhältnis Bankmanagement zu Eigentümern. Die Begrifflichkeiten aus der Literatur dazu sind “Adverse Selektion“[4]- Kosten der Einschätzung der Qualität, “Moral Hazard“ - Sicherstellung des vertragskonformen Verhaltens[5], “Costly State Verification” - Kosten der Einschätzung des Ergebnisses[6].
These: Menschen verhalten sich (wenn überhaupt) nur in nahen, engen Beziehungen „vertrauensvoll“ - innerhalb eines moralischen oder sozialen Rahmens. Sobald die Beziehungen distanziert oder rein auf ökonomischen Überlegungen basieren, wird der Anreiz für egoistisches Verhalten größer und Informationsprobleme entstehen. Durch Fristen- und Losgrößentransformation sind enge, starke Beziehungen zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer nicht möglich und Banken notwendig, da Sie effizient im Überkommen von Informationsproblemen sind. Durch die Schaffung von effizienten Kreditmärkten haben wir zugunsten von Wohlstand und Effizienz und auf Kosten der ehemaligen Nähe in der Kreditvergabe (im Bekannten-/Familien) verzichtet. Nähe, Unmittelbarkeit (auch Ergriffenheit) bei der personalisierten Kreditvergabe hat auch Ihre Schattenseiten, die ich in Indien bei meinem Aufenthalt bei einem Mikrofinanzierungsunternehmen erfahren durfte. Soziale Beziehungen werden dann nämlich "ökonomisiert".

[1] Steindl-Rast, David. Credo – Ein Glaube, der alle verbindet. Herder. Freiburg-Basel-Wien, S.18
[2] Wikipedia (“Vertrauen“), abgerufen am 5.6.2011
[3] Freixas, Xavier; Rochet, Jean-Charles (2008): Microeconomics of banking. 2. ed. Cambridge, Mass.: MIT Press
[4] Akerlof, George A. (1970): The Market for 'Lemons': Quality Uncertainty and the Market Mechanism. The Quarterly Journal of Economics, Jg. 84, H. 3, S. 488–500
[5] Stiglitz, Joseph E.; Weiss, Andrew (1981): Credit Rationing in Markets with Imperfect Information. In: The American Economic Review, Jg. 71, H. 3, S. 393–41
[6] Townsend, R. (1979): Optimal contracts and competitive markets with costly state verfication. In: Journal of Economic Theory, Jg. 21, H. 2, S. 265–293.
Banken als Vertrauensbrücke
08.10.11
Max
In der bisherigen Diskussion kristallisieren sich zwei Vertrauensaspekte heraus, die mit den zwei Interprätationen von Transparenz kohärent sind:

1. Vertrauen in Strukturen, Mechanismen und Informationen - in Menschengemachtes (Transparenz im Sinne der Durchsichtigkeit).

2. Vertrauen in Menschen oder Gemeinschaften und deren Kultur auf der Grundlage von Nähe (Transparenz im Sinne des Durchscheinens).

In deiner These sagst du, dass wir das Vertrauen durch Nähe zugunsten von Wohlstand und Effizienz (Skalenerträgen) durch das Vertrauen in Menschengemachtes ersetzt haben. Diese Beobachtung ist gut nachzuvollziehen - Erfahrungen in den meisten Bereichen des Wirtschaftslebens sprechen eine eindeutige Sprache. Das Defizit dieser Entwicklung ist, dass durch Anonymisierung kulturelle und soziale Defizite entstehen, da die Bedürfnisse des anderen Menschen hinter Strukturen und Mechanismen verschwinden und für andere Stakeholder (z.B. Kunden) unsichtbar werden. Dadurch kann jeder nur noch seine eigenen Bedürfnisse direkt wahrnehmen - und alle anderen nur noch indirekt ("Wenn das Bankwesen durchsichtig wird"). Du zitierst David Steindl-Rast: "Angst und Furchtsamkeit aber sind die Lebenselemente des Ego, (...)". Ich behaupte, dass die Anonymisierung gerade zu dieser Angst und Furchtsamkeit führt, da die Motive des Handelns der hinter den Strukturen unsichtbar gewordenen Menschen nicht mehr wahrnehmbar sind. Der Boom von Verschwörungstheorien ist Ausdruck dieses psychotischen gesellschaftlichen Verhaltens.

Auf einen Punkt in deiner These möchte ich noch eingehen: Ich glaube nicht, dass Vertrauen durch Nähe nur in direkten Kreditbeziehungen möglich ist. Sondern ich bin überzeugt, dass eine Bank diese Vertrauensbrücke unter Beibehaltung der Fristen- und volumenstransformation bilden kann. Bankkunden können Vertrauen in die an der Bank beteiligten Menschen ausbilden, wenn das Verhältnis auf der Beziehung von Mensch zu Mensch beruht und gepflegt wird. Dieses Vertrauen bedingt Natürlich auch, dass die Bank ihre Verhaltensweisen offenlegt. Diese Offenlegung aber bedeutet nicht, dass sich die Bank einen fixen Kodex (z.B. Kriterienkatalog für die ethische Kreditvergabe) auferlegt und sich zu sehr an Strukturen bindet. Die zwei oben beschriebenen Formen von Vertrauen bzw. Transparenz müssen in Dialog treten, um durch Koevolution neue Horizonte zu erreichen.

Jegliche Form von ökonomischen Anreizmechanismen für die Mitarbeiter (Bonussysteme) muss wegfallen, da sonst genau die von dir befürchtete Ökonomisierung sozialer Beziehungen eintritt. Bankmitarbeiter müssen also jederzeit neutral den Geldströmen die durch die Bank fiessen gegenüberstehen und Bedürfnisse der Bank, die sich aus den Wirtschaftlichen Rahmenbedingungen natürlich ergeben, auch als solche transparent kommunizieren und das tatsächliche Bedürfnis der Bank nicht in ein Scheinbedürfniss des Kunden verwandeln.

Bevor ich unsere Thesen ergänze, würde ich gerne deine Antwort abwarten. Ich vermute da ergeben sich noch interessante Aspekte die wir unbedingt auch aufnehmen sollten.

Max


Peer to Peer Lending und Social Lending
08.10.11
Ralf

Ich denke, dass wir dieses Mal sehr “nahe“ liegen. Meine Antwort hat auf eine Verteidigung der klassischen Bankfunktionen abgezielt bzw. versucht zu konkretisieren, dass diese nicht zugunsten direkter Kreditgeber-Kreditnehmer Beziehungen aufgegeben werden sollten, nur weil diese Beziehungen die stärkste Form des “Durscheinens“ erlauben würden. Dieses “Durchscheinen“ (Vertrauen in Menschen) entspricht übrigens dem Grundbedürfnis nach Beziehungen (siehe Diskussion Grundbedürfnisse). Klassische Bankfunktion sind ein starker, wichtiger und guter “Mathematischer-Motor“ unser Ökonomie. Damit meine ich vor allem, die Risikodiversifizierung und die Fristen- und Losgrößentransformation, die alle auf dem Gesetz der großen Zahl (daher “mathematischer Motor“) beruhen.


Wieso Verteidigung?


Die beiden großen neuen Kreditalternativen der Neuzeit sind für mich, “Peer to Peer Lending“ über das Internet und das Social Lending der Mikrofinanzierung. Beide habe ich mir genauer angesehen und ich denke es sind keine großen Alternativen sondern Zusatzprodukte für Nischen. Banken mit den klassischen Bankfunktionen sind alternativlos.



  • Bei der Neuerung “P2P Lending“ werden - wenn auch anonymisiert - direkte Kreditnehmer-Kreditgeber Beziehungen geschaffen. Diese Modelle bieten beschränkte Risikodiversifikation und Losgrößentransformation, jedoch keine Fristentransformation, die für unseren Wohlstand sehr wichtig war und ist. Theoretisch wäre natürlich Fristentransformation auch möglich, wenn die Kredittitel auf liquiden Sekundmärkten handelbar wären, aber das ist noch Fiktion (www.lendingclub.com).

  • Bei der zweiten Neuerung “Social Lending“ (Grameen Banking) wird die Risikoentscheidung an lokale Gruppen übertragen. Diese Gruppen sind für die Rückzahlung verantwortlich und “haften“ durch die drohende Kreditrationierung der Gruppenmitglieder. Dieses Prinzip, dass ich in Indien studieren durfte hat viele Stärken- vor allem die reduzierten Transaktionskosten die auch arme Kundensegmente „bankable“ machen. Die große Schwäche ist die Ökonomisierung der nahen sozialen Beziehungen. Ich möchte nicht, dass sämtliche Freunde und Familienmitglieder implizit für meinen Kredit haften bzw. diesen zuerst „bewilligen“ müssen. Wobei mir bewusst ist, dass das auch eine Stärke sein kann, wenn es auf Freiwilligkeit unter der Verfügbarkeit von Alternativen passiert. In dieser neuen Spielart der Kreditvergabe, kommt es ebenfalls nur zu einer schwachen Beziehung zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber, da der Großteil des Geldes weiterhin von der Bank kommt.


Mein Punkt ist, dass die Unmittelbarkeit, die Nähe, das Vertrauen zwischen Kreditnehmern und Kreditgebern nur eine Spielart oder ein Nischenprodukt sein kann. Wenn du das Vertrauen zwischen Kunden und Bankmitarbeiter meinst, dann sehe ich das genauso. Dass die Provisionsmodelle im Vertrieb problematisch sind und systematisch zu Fehlberatungen führen, glaube ich auch. Die Anreize sind falsch gesetzt. Vertriebsmitarbeiter (siehe Beitrag “Wenn vertreibt der Vertrieb“) sollten für gute Kundenbeziehungen belohnt werden. Komplexe Bankprodukte bedürfen Beratung, welche mit einem umsatzgetriebenen Provisionsmodell im Widerspruch steht. Wobei ich jedes Bank und Versicherungsprodukt durch seine Abstraktheit und die Abhängikeit der Vorteilhaftigkeit von der ungewissen Zukunft, als komplex betrachte. (Ist eine variable oder eine fixe Verzinsung bei einem Kredit vorteilhafter, oder gar eine Fremdwährungskredit? In welche Assets soll ich mein Geld veranlagen, welche Versicherungsleistungen werde ich benötige). Laut Wiki wird unter dem Begriff Vertrauen die Annahme verstanden, dass Entwicklungen einen positiven oder erwarteten Verlauf nehmen. Es bleibt also selbst bei einer vertrauensvollen Kundenbeziehung eine Unsicherheit bezüglich der Zukunft, der ebenfalls nur mit Vertrauen begegnet werden kann.


Schöne Pfingsten und liebe Grüße


Ralf



Klassische Bankfunktionen vs. Vertrauen zwischen Aktiv- und Passivkunden
08.10.11
Max

Ich möchte noch zwei Punkte einbringen. Der erste betrifft die Nähe und das Vertrauen zwischen Passiv- und Aktivkunden auf Kosten der Klassischen Bankfunktionen. Der zweite betrifft die Frage, ob es zwangsweise eine Nieschenstrategie ist, wenn man eine Bank auf Basis von Nähe und Vertrauen aufbaut.


1. Du sagst, dass "diese [klassischen Bankfunktionen] nicht zugunsten direkter Kreditgeber-Kreditnehmer Beziehungen aufgegeben werden sollten, nur weil diese Beziehungen die stärkste Form des “Durscheinens“ erlauben würden." Und fügst hinzu, dass diese "ein starker, wichtiger und guter “Mathematischer-Motor“ unser Ökonomie" sind. Das ist natürlich sehr offensichtlich. Das entspräche im Handel einem Rückschritt zum Tauschhandel - da erübrigt sich wohl eine Diskussion. Ich meine aber, dass Nähe und Vertrauen zwischen Geldgebern und Geldnehmern auch unter Beibehaltung der klassischen Bankfunktionen kultiviert werden kann. Die in der Bank Arbeitenden spielen dabei die Mittlerrolle. Zu den Kernfunktionen der zeitlichen und Mengenmäßigen Allokation von Kapital könnte somit auch die Vermittlung zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen zählen. Dabei geht es nicht nur darum, Informationen zu transportieren, sondern auch Emotionen, Lebensumstände, Einblicke. Es kann ein explizites Ziel sein, zwischen den Welten der Einleger und der Kreditnehmer zu vermitteln. Es mangelt nicht an möglichen Wegen der Vermittlung, sondern an der Einsicht dass diese nötig sind. Jeder einzelne Mensch muss in die Lage versetzt werden, dass er nicht nur seine eigene Lebensrealität, seine Wünsche und Knappheiten, sondern auch die seines Gegenübers sehen kann, damit er sie an ihnen relativieren kann (vgl. auch den Artikel: Wenn das Bankwesen durchsichtig wird). Nähe unter Beibehaltung der klassischen Bankfunktionen setzt also eine zusätzliche Kernfunktion von Banken voraus und nicht unbedingt neue Produkte.


2. Der zweite Punkt ist teilweise schon im ersten beantwortet. Aber dazu noch das Folgende. Du sagst: "Wenn du das Vertrauen zwischen Kunden und Bankmitarbeiter meinst, dann sehe ich das genauso." Mir geht es hier weniger um das Vertrauen zwischen Kunde und Mitarbeiter - wenngleich ich dieses voraussetze. Man kann als Passivkunde in BankmitarbeiterInnen hohes Vertrauen haben ohne jeglichen Bezug zur Aktivseite. Es geht mir also nicht um dieses Vertrauen per se, sondern um die Rolle der Bank. Die in der Bank Tätigen können sich so weit zurücknehmen, dass sie den Blick auf die andere Seite des Geldstromes frei machen und Nähe spürbar wird. Es ist klar, dass das ein kulturell sehr hoher Anspruch ist. Weil ich an diese Möglichkeit aber glaube, weil ich Ansätze davon schon erlebt habe kann ich deiner Aussage: "dass die Unmittelbarkeit, die Nähe, das Vertrauen zwischen Kreditnehmern und Kreditgebern nur eine Spielart oder ein Nischenprodukt sein kann." nicht vollständig zustimmen. Grenzen sind gesetzt, aber diese sind kultureller und nicht technischer Natur.


Eins möchte ich noch hinzufügen: Was hier möglicherweise in manchen Ohren etwas zu idealistisch klingt, muss sich nicht mit einer pragmatischen Bankführung wiedersprechen. Es geht ja nicht darum, dass 100% der Einleger diesen Prozess mitvollziehen. Vorerst geht es nur um das Angebot, dass seitens der Bank gegeben sein sollte. Die Bank bietet Transparenz. Dadurch steht bei einigen Interesse. Manche der Interessierten übernehmen daraufhin Verantwortung in Form von Direktkrediten, Zinsverzicht oder direkten Schenkungen. Für einen großen Teil der Kunden wird sich diese Bank vielleicht garnicht so sehr von anderen unterscheiden - vielleicht nur einen Ökosozialen (oder was auch immer) Anstrich haben. Es braucht also die Möglichkeit tiefer oder weniger tief einzusteigen. 


Bevor ich jetzt unsere Gedanken in einer These zusammenfasse, wollte ich doch noch deine Antwort abwarten - bin mir nicht ganz sicher, ob wir uns weiter angenähert oder wieder mehr aus den Augen verloren haben.


Max


Macht vs. Nähe
08.10.11
Ralf

Ich werde dir zuerst auf deine beiden Punkte antworten, bevor ich noch einen generellen Punkt/eine Frage aufwerfe.


1.Fristen- und Losgrößentransformation setzt eine gewisse Mindestgröße des Portfolios an Aktiv-/Passivkunden voraus. Die Größe hängt sehr von den konkreten Risiken/der Heterogenität ab. Angenommen 300 Aktivkunden stehen 1000 Passivkunden gegenüber. Ich nehme also eine ganz kleine Bank an. (Je größer die Bank desto schwieriger wird die Argumentation). Die Bedürfnisse der Aktivkunden sind normal heterogen - es handelt sich um ein relativ repräsentatives Portfolio an Lebensumständen und Bankbedürfnissen. Es gibt 100 Wünsche nach Baufinanzierungen, 100 Working Capital Kreditwünsche und 100 sonstige Finanzierungswünsche. Was die Kreditnehmer eint ist ein Finanzierungswunsch und wahrscheinlich eine möglichst flexible, sichere (Zinssicherheit) und günstige Finanzierung. Die Emotionen des Einzelnen, seine Lebensumstände sind sehr Individuell. Durch das Gesetz der großen Zahl, lassen sich die Einlagen der Passivkunden nicht dem konkreten Kreditnehmer zuweisen. Die einzige Möglichkeit die „Lebensrealität, seine Wünsche und Knappheiten, sondern auch die seines Gegenübers sehen“ wäre wenn jeder Passivkunde ein “Bild“ aller Aktivkunden hätte. Hier stellt sich die Frage, ob das realistisch ist. Die Mikrofinanzierungsunternehmen gehen einen anderen Weg. Während meines Praktikums bei FWWB waren Fallstudien zentral. Damit wurde Kreditgebern der Mitteleinsatz emotional nahe geführt. “Ein Bild einer Frau mit Familie, Ein Bild Ihrer neuen Töpferscheibe und die Erfolgsgeschichte“. Das ist natürlich ein Weg, vor allem wenn die Passivkunden darauf vertrauen können, dass die Fallstudien repräsentativ von der Bank gewählt wurden (!). Es kommt zu einer Emotionalisierung und auch zur Nähe- aber nicht wie ich es meinte - nämlich unmittelbar zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber (so wie es im P2P Lending üblich ist).


2.Der zweite Punkt hat sich ebenso wie bei dir, schon durch die Antwort auf Punkt 1 erledigt. Vielleicht noch zum Punkt: „Grenzen sind gesetzt, aber diese sind kultureller und nicht technischer Natur.“ Ich denke, dass es sowohl durch das Gesetz der großen Zahl eine technische Grenze gibt.

Dass die Möglichkeiten von Direktkrediten ein schönes Zusatzprodukt und auf jeden Fall angeboten werden sollten finde ich auch. Mittlerweile engagieren sich ja nicht nur kleine Alternativbanken in diesem Bereich sondern auch große Banken experimentieren mit P2P Lending. Ob der Kreditzins dann sehr niedrig oder gar eine Schenkung ist obliegt dann dem Kreditnehmer und Kreditgeber.


Die Frage ob diese Produkte ein Nischenprodukt bleiben hängt meiner Meinung nach, neben der technischen Restriktion, vom Menschenbild ab. Siehe unsere Diskussion zu den Kundenbedürfnissen - Je stärker der Wunsch nach Macht ist, desto weniger wichtig ist die Unmittelbarkeit und die Nähe (Ergriffenheit). Wie sehr ist der Mensch ein soziales Wesen. Wie wichtig sind die „Ego“ Themen? Wie groß ist der Wunsch nach Verbundenheit? Wie sehr sind wir “Wolf“. In einer kürzlichen ARTE Reportage zum Russlandfeldzug, kam mir diese Frage wieder. In diese Diskussion würde gerne mit dir im Kapitel Bedürfnisse nochmals einsteigen, den die Bedürfnisse scheinen mir nachwievor zentral.


Freue mich schon sehr auf unseren Besuch von Heidegger´s Hütte.


Viele Grüße


Ralf



Stabilisierende Wirkung von sozialen Beziehungen
08.10.11
Max

Ich möchte noch einmal auf Punkt 1 eingehen: Mir kommt es in der gegenwärtigen Diskussion weder auf eine 1:1 Zuordnung von Einleger und Kreditnehmer, noch auf eine repräsentative bildliche Darstellung der Aktivseite an. Die 1:1 Zuordnung ist tatsächlich ein Nieschenprodukt und über Direktkretite und P2P Plattformen abgedeckt - wenn auch ausbaufähig. Die Bildliche Darstellung, die Repräsentanz über den "Durchschnittskunden" schafft keine Nähe, sondern emotionale Scheinbindung, da der Durchschnitt (wie du selbst angemerkt hast) wenig mit der individuellen Lebensrealität zu tun hat. Ich möchte meinen Gedanken noch einmal in ein Bild bringen. Stell dir einen See vor. Auf der einen Seite stehen alle Passivkunden und schütten Wasser in den See. Dadurch steigt und fällt der Wasserspiegel. Auf der anderen Seite sind die Aktivkunden und holen sich Wasser aus dem See, um damit Gärten zu bewässern, Beton anzurühren, zu kochen,... Die Aktivkunden brauchen das Wasser einfach für ihre Tätigkeit. Jetzt kann es passieren, dass einer, der da Wasser in den See schüttet, auf der anderen Seite eine Tätigkeit entdeckt, die ihn besonders fasziniert. Er geht hin, führt ein Gespräch, lernt ihn kennen. Vielleicht sind es auch mehrere von der einen oder anderen Seite die sich in Gruppen kennenlernen. Es kann nun passieren, dass sich durch diese Gemeinschaft, Freundschaft, freundschaftlichen Beobachtung oder was auch immer, etwas ändert, die Tätigkeit des einen oder anderen eine ganz neue Wendung bekommt. Egal ob der auf der Aktivseite genau das Wasser verwendet, das sein neuer Freund hinzugefügt hat (das kann man ja bekanntlich gar nicht mehr zuordnen). Mir kommt es nur auf diese soziale Brücke an, die möglich sein sollte. Möglich als Angebot, nicht als Bedingung.


Die Bank bekommt so eine zusätzliche Rolle: die reine Kapitalvermittlung von denen, die es gerade nicht benötigen zu denen, die innovativ damit arbeiten können weil sie eine Idee haben wird ergänzt durch eine soziale Vermittlung zwischen denen die in einer Sparphase sind und denen, die in einer Innovations- bzw. Investitionsphase sind. Ich glaube die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Guppen würde das Kreditwesen verändern und auf ein festeres Fundament stellen. Das ist die Hypothese. Das Gesetz der grossen Zahl bzw. der mathematische Motor ist davon völlig unberührt und verliert nichts von seiner zentralen ökonomischen Funktion, wird auch in keiner Weise geschwächt. Es ergibt sich lediglich ein neues Beziehungsgeflecht das sich über den See hinweg verdichtet und die anonymisierende Mauer (die gerade durch die Bank erzeugt wird) aufbricht.


Das oben dargestellte zeigt also, dass jede Bank, egal wie sie aufgestellt ist, diese Zusatzleistung erbringen kann. Deswegen meine ich: es gibt keine technische Grenze - sehr wohl aber die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels, und das ist ein kulturelles Hindernis.


Max



Transparenz und Vertrauen als Vision
08.10.11
Max

Die Frage nach den Möglichkeiten der praktischen Ausgestaltung ist der nächste Schritt - und eine ganz neue Frage. Im ersten Schritt ging es darum, eine Vision zu entwickeln, die dem Bankwesen hinsichtlich Transparenz und Vertrauen entspricht. Die Vision ist quasi der "Leitstern" nach dem wir uns richten (wieso? was ? warum?). Jetzt kommt die Strategie - die Frage nach dem wie, der Umsetzung (vgl. "Vision und Perspektiven versus Strategie"). Ich würde die Umsetzungsfrage gerne in einer neuen Session diskutieren und hier zum Abschluss die These aus dem Beitrag "Transparenz" unter Berücksichtigung unserer Diskussion neu formulieren.


These: Transparenz im Sinn von Durchsichtigkeit ist eine Eigenschaft des Unternehmens als logischem Apparat. Sie kann die Transparenz im Sinne des Durchscheinens der Sache verstellen. Ein Unernehmen, das als logischer Apparat geführt wird, braucht alle Ressourcen menschlicher kreativität zur Erhaltung und zum Ausbau und zur Politur des Apparates. Das Scheinen des lebendigen Menschen ist die Energiequelle dieses Glanzes und darf selbst nicht in Erscheinung treten. Dadurch verkümmert der lebendige Schein und die Wesensbegegnung im Sinne von Ergriffenheit im Wahrnehmen des Gegenübers. Diese Kümmernis ist das Drama unserer Zeit. Banken sind Unternehmen, die von der Begegnung und vom Vertrauen zwischen Menschen leben. Gerade sie sind geeignet neue Wege aus der Seinsvergessenheit zu suchen und zu gehen.


Menschen verhalten sich (wenn überhaupt) nur in nahen, engen Beziehungen „vertrauensvoll“ - innerhalb eines moralischen oder sozialen Rahmens. Sobald die Beziehungen distanziert oder rein auf ökonomischen Überlegungen basieren, wird der Anreiz für egoistisches Verhalten größer und Informationsprobleme entstehen. Durch die Schaffung von effizienten Kreditmärkten haben wir zugunsten von Wohlstand und Effizienz auf die ehemalige Nähe in der Kreditvergabe (im Bekannten-/Familien) verzichtet.


Dieser Umstand wirft die Frage auf, wie Nähe und Vertrauen unter Beibehaltung von Wohlstand und Effizienz im Bankwesen möglich sind. Lösungen auf diese Frage sind essentiell beim Aufsuchen neuer Wege im Bankwesen.


Max



Das Bankwesen im Spannungsfeld von Bedürfnissen
08.10.11
Ralf

Du hast natürlich Recht, es gibt neben der Vision auch eine Umsetzungsebene. Für mich ist Vision aber noch nicht klar genug.


Was ist der Sinn dieser Vision?


Nehmen wir an, dass der Wunsch nach Beziehung, Nähe, Liebe alle Menschen eint und daher auch im Bankwesen reflektiert werden sollte? Ich denke, dass es dieses generelle Bedürfnis – mit unterschiedlich starken Ausprägungen – gibt. Heidegger[1] nennt das “Mitsein“, ein Existenzial, dass das Dasein ausmacht. Ich schätze es, dass ich in meinem Wohnumfeld mit einigen Handwerkern/Händlern nicht rein ökonomische Beziehungen pflege.


Ich glaube aber, dass es im Bankwesen neben der technischen Restriktion auch eine individuelle-soziale Restriktion gibt. Genauer gesagt, dass viele Menschen mit Ihrem Geld entweder nicht so viel zu tun haben wollen (ein Sparbuch, eine Lebensversicherungist genug) oder es aus einem Machtmotiv diese Themen gerne von der Sphäre der Nähe/Beziehungen trennen. („objektivieren“ – sprich Entscheidungen nicht aufgrund von persönlichen Beziehungen treffen)


Aus beiden Gründen gibt kein breites allgemeines Interesse, Kreditnehmer persönlich kennenzulernen oder gar in Kreditentscheidungen involviert zu sein.Hier gibt es eben ein viel-dimensionales Spektrum an Bedürfnissen. Trotzdem sind auch Menschen mit diesen Bedürfnissen vorhanden, dass zeigt sich zum Beispiel an den P2P Kreditplattformen oder an einigen kleinen Alternativbanken die mit solchen Produkten experimentieren. Ich denke, dass es Zukunft jedoch sehr wohl diese Art von Plattformen im Leistungsspektrum der Banken gibt. Elektronische Plattformen die Kreditsuchende und Kreditgeber zusammenbringen (auch im Eigenkapitalbereich). Es wird ein weiteres Produkt, welches eine Bedürfniskategorie deckt aber keine neue Vision für das Bankwesen.


Meine These lautet:Das Bankwesen steht im Spannungsverhältnis von verschiedenen Bedürfnissen. Bedürfnisse nach Macht und Sicherheit (Ich) treffen auf Bedürfnisse wie Beziehung und Nähe (Du). In der Vergangenheit stand das Bedürfnis nach Macht im Vordergrund und das Durscheinen des Menschen, dass “wir“ wurde nur wenig berücksichtigt. Durch die Schaffung von effizienten Kreditmärkten haben wir zugunsten von Wohlstand und Effizienz auf die ehemalige Nähe (ohne positive Konnotation) in der Kreditvergabe (Geldverleiher/Bekannten-/Familien) verzichtet. Menschen verhalten sich nur in nahen Beziehungen vertrauensvoll innerhalb eines moralischen/sozialen Rahmens. Sobald die Beziehungen distanziert oder rein auf ökonomischen Überlegungen basieren, wird der Anreiz für egoistisches Verhalten (Ich) größer und Informationsprobleme entstehen. Es gab kleine “Inseln“ in Form von Alternativbanken, die andere Bedürfnisse- vor allem aus der Sphäre des Mitseins – abdeckten. Das überproportionale Wachstum dieser Banken (GLS) und das Aufkommen von P2P Plattformen zeigt, dass sich die Bedürfnisse ändern und ausdifferenzieren. Die Möglichkeit der Unmittelbarkeit im Geldwesen wird zukünftig Teil des Angebotsspektrums (als weiteres Produkt) auch der Mainstreambanken sein.Entscheidender scheint mir als Vision im Banken und Versicherungsbereich, dass es eine neue Vertrauensbeziehung zwischen Bank und Kunden gibt und dafür ist die Umstellung des umsatzgetriebenen Provisionssystems (Vertrieb)notwendig.


Liebe Grüße


Ralf



Wille zur Macht/Wille zum Gestalten
08.10.11
Max

Freut mich sehr, dass du die Transparenz-Diskussion noch einmal aufgreifst - ich weiss das sehr zu schätzen und bedanke mich für deine Geduld. Deinen Argumenten kann ich sehr gut folgen - vor allem, dass es um ein neues Vertrauen geht, dem das umsatzgetriebene Provisionssystem entgegensteht, finde ich einen interessanten Aspekt. Bevor ich auf deine Frage nach dem Sinn dieser Vision näher eingehe, möchte ich noch folgendes klarstellen:


Erstens: Ich bin nicht der Meinung, dass eine Bank existieren kann, wenn sie mit ihren Passivzinsen systematisch unter den herrschenden Marktzinsen liegt.


Zweitens: Mir geht es nicht unbedingt darum, dass sich Passiv- und Aktivkunden persönlich kennenlernen oder Kredite immer direkt vergeben werden.


Worum es mir geht und wo ich den Sinn dieser Vision sehe: Geld wirkt immer - auch wenn es am Sparbuch liegt - weil es in Krediten oder wo auch immer investiert ist. Über die Art der Investition hat die Bank die Macht zu gestalten. Sie kann entscheiden, welche Projekte durch die vorhandenen Passivgelder umgesetzt werden und welche nicht. Es gibt Menschen, die es als Beschneidung ihres Willens zur Macht (oder Entmündigung) verstehen, wenn sie keinen Zugang zu diesen Prozessen bzw Informationen haben. Dabei gebe ich dir vollständig recht, dass es genauso viele gibt, die mit der Wirkung ihres Geldes nichts zu tun haben oder ihre Geldbeziehungen von Nähe/Beziehung getrennt halten wollen. Ich glaube, dass der Wille zur Macht auch als Wille zum Gestalten ausgelegt werden kann. Denn was macht die Ausübung der Macht anderes als gestalten? Vielleicht ist es garnicht wünschenswert, dass Passivkunden über die Kreditvergabe entscheiden - in der Regel fehlt einfach das Know-How um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Aber der Wille zur Macht äussert sich mitunter auch so, dass man Vertraute sucht, die Entscheidungen im eigenen Sinn treffen können.


Solche Menschen haben neben den Anforderungen von Sicherheit und Ertrag auch den Anspruch, dass ihr Vermögen ihren Werten entsprechend angelegt wird, damit das Vermögen ihrem Gestaltungswillen entsprechend wirkt. Wenn ich keine Oliven mag und mein Geld ist in Olivenfarmen investiert, empfinde ich das irgendwie als Affront. Insofern ist die Diskussion noch jenseits von Gut und Böse, da ein Waffenliebhaber vielleicht gerne in Waffenproduzenten investiert usw. Was durch das Durchscheinen vorerst nur bewirkt wird ist, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, die Beziehung zur Wirkung seines Geldes aufrechtzuerhalten und über diese Wirkung informiert zu sein. Das kommt seinem Willen zur Macht entgegen. Im Weiteren hängt es von der Kultur der Bank ab, welche Passivkunden durch die spezielle Art der Kreditvergabe angezogen werden und was für Milieus durch die Bank gefördert werden. Ich finde das unerträglichste ist das Abgeben der Verantwortung (bzw. des Willens zur Macht) am Bankschalter. Ob das Ergebnis ein gutes ist, wenn ich in die Lage versetzt bin die Verantwortung zumindest zu begleiten, ist eine andere Frage. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft während der letzten 15 Jahre zeigt, dass immer mehr Menschen Verantwortung für ihr Leben und ihre Handlungen übernehmen wollen. Ich bin der Meinung, dass es auch Banken geben muss, die diesem Bedürfnis im Finanzsektor entgegenkommen.


So weit fürs Erste


lg, max



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