Markt und Ethik

Sind Markt und Ethik unvereinbar?

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SchwachSuper 

In der Zeit Nr. 21 vom 16. Mai 2013 wurde unter dem Titel „Was ist Ihnen das Leben dieser Maus wert“ eine interessante Studie von Armin Falk (Bonn) und Nora Szech (Bamberg) vorgestellt. Die Studie war so aufgesetzt, dass der Einfluss von Marktverhalten auf die Moral bzw. ethisches Verhalten gemessen werden sollte (siehe: http://www3.uni-bonn.de/Pressemitteilungen/099-2013). Das Ergebnis war, dass unter Marktbedingungen die Bereitschaft eine Maus zu töten um einiges höher war. Es wird argumentiert, dass die Anonymität und die damit verbundene Unbetroffenheit der Marktteilnehmer, die Konsequenzen des Handelns ausblenden. Dieses Thema wurde schon vor einiger Zeit auf Banktank behandelt (http://www.banktank.net/index.php/mensch-bank/transparenz). Abgesehen davon, ob es moralisch verwerflich ist eine Maus zu töten (es gibt sogar Mausefallen mit denen diese Tiere gezielt getötet werden – vor allem im ländlichen Raum), stellt sich die Frage, was die Konsequenz aus dieser Studie sein kann. Da der Weg in die Vergangenheit – bäuerliche Dorfstrukturen in Subsistenzwirtschaft - keine sinnvolle Lösung ist (zurück auf die Bäume ihr Affen!), muss ein zukünftiger Weg gesucht werden. Wie kann das aussehen? Bewusstseinsentwicklung, indem auch Anonymes und Entferntes als real erlebt wird? Neue Strukturen, die Prozesse in der Nähe/im Bewusstsein halten? Informationsmanagement, das Entferntes in die Nähe rückt? Please help!

 

 

Nein nicht unvereinbar, sondern die falschen Fragen werden gestellt
19.05.13
Ralf

Sowohl in der Studie als auch bei dir, vermute ich eine unzureichende Definition von a) Markt und b) Ethik. Auf der zitierten Homepage findet sich die folgende Zusammenfassung zum Experiment:


"Ein Teil der Probanden hatte die moralische Entscheidung für das Geld oder die Maus allein (individuell) zu treffen. Diese Bedingung erlaubt Rückschlüsse auf die herrschenden moralischen Standards. Die individuelle Bedingung wurde mit zwei Marktbedingungen verglichen, in denen entweder nur ein Käufer und ein Verkäufer (bilateraler Markt) oder eine größere Anzahl von Käufern und Verkäufern (multilateraler Markt) miteinander handeln konnten. Immer wenn ein Kaufs- oder Verkaufsangebot akzeptiert wurde, kam es zu einem Handel mit der Folge, dass eine Maus starb. Das Hauptergebnis der Studie ist, dass im Vergleich zur individuellen Bedingung in beiden Marktbedingungen signifikant mehr Probanden dazu bereit sind, Mäuse für Geld zu töten"


add. a) Markt. Das ist doch keine Marktfrage sondern eine Frage zwischen individuellen und kollektiven Handelungen/Entscheidungen. (Das Man bei Heidegger, das soziale Gefüge). Oder gilt nun “Markt=kollektives Handeln/Entscheiden“? Markt sehe ich ökonomisch - wie sind die Entscheidungsprozesse strukturiert (dezentral).  Auch in einer “subsistenten Dorfgemeinschaft“ gibt es kollektive Entscheidungen (oder allgemeiner Normen, Absprachen, Tradition, Werte – z.B. von einer Maus). Vielleicht entscheidet sich dort das Kollektiv zur Tötung aller Mäuse um die Ernte zu erhöhen (=Geldbetrag für Alle), obwohl einzelnen das nicht wollen, oder alleine nicht so machen würden. Das gleiche Argument gilt auch für die Planwirtschaft. Die Conclusio wäre keine "heile Dorfgemeinschaft" sondern Robinson Crusoe (ohne Freitag) alleine auf der Insel.


add. b) Ethik. Wir hatten Ethik immer als, aus uns heraus – also weitestgehend losgelöst von tradierten Standards und vor allem losgelöst vom “Man muss“, “Man soll“ definiert. Nun, im Austausch mit einem anderen Individuum werden die hohen (?) eigenen Standards komprimiert (laut Experiment). Wieso? Vielleicht weil angenommen wird, dass “Man“ das Leben einer Maus nicht so hoch einschätzen muss oder gar sollte? Vielleicht wollten die Teilnehmer den Erwartungen des Man entsprechen. Keine Marktfrage sondern eine Frage der Stärke des Selbst. Das sind wie du schreibst letztlich Themen des Bewusstseins/ der Durchsetzungskraft.


Der letzte Newsletter der Triodos Bank (Mai 2013), hatte die Überschrift:"Verantwortungsvoll Entscheiden"..und dann folgte: "Was darf es denn sein: Bio-Eier oder Eier aus der Käfighaltung usw....." Das trifft den Punkt mehr, wie Markt/Planwirtschaft/Dorf oder Robinson Crusoe.



Markt und Ethik
25.05.13
Max

Ich denke nicht, dass die Definitionen von Markt und Ethik unzureichend sind. Was bei der Studie schon deutlich wird ist:


1. Markt: dass ein Idividuum sich durch die anonymisierende Wirkung des Marktes aus seiner individuellen Verantwortung zurückziehen kann. Das kann es natürlich auch, wenn kollektiv entschieden wird, oder wenn Entscheidungen vorgegeben sind (Planwirtschaft). Die Studie sagt ja nicht, dass das nur unter Marktbedingungen der Fall ist. Auffallend ist jedoch, dass wo sich Käufer und Verkäufer direkt gegenüberstehen, ein anderes Verhalten zum Tragen kommt, als auf einem Markt wo das nicht der Fall ist und das Individuum sich in das Kollektiv zurückziehen kann, da das direkte Gegenüber fehlt. Geb dir natülich recht, dass es überall wo kollektiv entschieden wird, zu diesen Phänomenen kommt. Der Markt (so wie er eben funktioniert) ist ein Beispiel solcher Strukturen. Da er sich im Wesentlichen über Preise organisiert, appelliert er an das, was mit dem Preis verbunden ist und das ist eben die individuelle, pekuniäre Nutzenmaximierung.


2. Ethik: Zur Ethik gehört es auch, sich von egoistischen Motiven (nicht nur Traditionen und dem "Man muss") zu emanzipieren. Du sagst: "Im Austausch mit einem anderen Individuum..." Ich denke dieser Austausch findet eher im bilateralen Szenario statt und führt zu einer stärkeren Manifestation ethischer Gesichtspunkte. Im Marktumfeld geht dieser Austausch eben verloren, da es nur um Angebote und Zahlungsbereitschaften geht (Handelsplattformen bieten in der Regel ja keine Möglichkeit einen inhaltlichen Diskurs zu führen). Gerade dann fehlt der Diskurs und es kommt zu "Preisverhalten", da Preis der einzige Gegenstand des Diskurses ist. Die Frage der Kollektiven Ethik wird nicht neu eingeschätzt, sondern sie kommt einfach nicht mehr in Betracht, da sie eben nicht mehr vorkommt.


Ich denke wie du, dass es eine Frage der Stärke des Selbst ist. Und dieses Selbst hat es in einem anonymen Umfeld schwerer. Der Getreidehändler, der zum höchstmöglichen Preis verkaufen will und dabei möglicherweise eine hohe Marge erzielt, hat eben keine marktimmanente Chance wahrzunehmen, was die möglichen realen Auswirkungen sind. Er denkt nur: wenn ich es nicht realisiere, realisiert es ein anderer, z.B. der in der Wertschöpfungskette nachgelagerte, da die Umstände eben so sind wie sie sind. Und die Umstände werden durch den Markt definiert. Die Stärke des Selbst muss eben in einem Marktumfeld so gross sein, dass der Teilnehmer Dinge die er nicht sieht, in Erfahrung bringt, um urteilsfähig zu werden. Der Markt (aber klar auch andere Strukturen) ermöglicht es eben, die Konsequenzen eigener Handlungen auszublenden.



Definitionsprobleme
02.06.13
Ralf

Hmm. Nicht einverstanden.


1. add.Markt) Wenn ich den einfachsten und klassischsten Fall eines Marktes nehme - den wöchentlichen Bauernmarkt - dann sehe ich dort keine anonymen Beziehungen. Der Bauer kommt "preist"  (kommt Preis von "an-preisen"?) seine Ware an und verhandelt mit dem Käufer. Ein weiterentwickelter (=spezialisierter) Markt hat nun weitere Stufen - z.B. ein Zwischenhändler. Der Zwischenhändler fährt zum Bauern und verkauft seine Ware auf dem Markt. Hier gibt es ebenfalls keine anoymisierten Beziehungen im Gegenteil. Auf einer Kreditplattform geht es eben um die nicht anonymisierten Beziehungen. Im Idealfall handeln Kreditgeber und Kreditnehmer den Preis auf. Spannend dabei ist, dass die Kreditgeber auf Marge verzichten, wenn sie das Kreditprojekt mögen. Mögen hat hier eine große Spannweite (Mitleid mit einer Alleinerziehenden Mutter, Unterstützung eines Oldtimer Freaks - der sich noch ein Auto kaufen will, Ökologische Projekte.) Mir kommt deine Gleichsetzung Markt = Anonym tendenziös vor. Und ja es gibt bestimmte Marktformen die nur nach dem Preis mit hoher Anonymität agerien - aber hier ist eine differenzierte Betrachtungsweise unbedingt notwendig.


2. add. Ethik) "sich von egoistischen Motiven (nicht nur Traditionen und dem "Man muss") zu emanzipieren". Hier machen wir ein neues Definitionsproblemfeld auf. Was sind den Bitte egoistische Motive?. Ist nicht jedes Motiv ein egoistisches Motiv. Hier kommen wir genau in die Unüberwindbare Grenze zwischen Subjekt und Gesellschaft. Da jedes Inidividuum andere Motive hat sind diese immer höchstpersönlich individuelle und egoistisch. Jetzt müsstest du mit einem "Kantianischen kategorischen Imperativ" oder ähnlichem definieren was egoistisch ist. Mehr dazu, sobald ich mit dem genialen Buch von Rorty (Kontingenz, Ironie und Soldidarität im Suhrkamp) durch bin. "..., wie es aussieht, wenn wir die Forderung nach einer Theorie, die das Öffentliche und das Private vereint, aufgeben und uns damit abfinden, die Forderung nach Selbsterschafftung und nach Solidarität als gleichwertig, aber inkommensurable zu betrachten..."


Zum Selbst gebe ich dir Recht.....aber auch mit einem starken (und gierigen) Gegenüber (z.B. Zwischenhändler, Kunde) kann der Verkäufer (z.B. Getreidebauer) über den Tisch gezogen werden. Das muss nicht in der Anonymität des Marktes liegen. Letztlich ist es eine Frage des Selbstes der Beiden aufeinandertreffenden Subjekte.


PS: Durfte heue Prof. Wucherer-Huldenfeld zu Hause besuchen. Er hat mir sein neues Buch geschenkt (so cool mit Widmung :-)) und ich habe ihm von der Hompage erzählt.


so long lg Ralf



Definitionsprobleme
22.07.13
Max

Du bringst da natürlich gewichtige Aspekte ein. Es geht mir sicher nicht darum, den Markt generell zu verurteilen. Ich versuch es nochmal - unter Berücksichtigung deiner Gesichtspunkte:


Ad 1) Ich gebe dir recht, dass es nicht darum gehen kann, den Markt per se zu verurteilen. Auch das direkte Gegenüber führt nicht von vornherein zu besseren Lösungen - wie du sagst: "Letztendlich ist es eine Frage des Selbstes der beiden aufeinandertreffenden Subjekte." Dennoch glaube ich - und das ist denke ich ein brauchbares Ergebnis der obengenannten Studie - dass ein Markt, dessen kennzeichen die Anonymität ist (z.B. die meisten Märkte im produzierenden Bereich) dazu verleitet, die Interessen der anderen zu übersehen. Der Slogan: "Geiz ist geil" ist gewissermassen ein Gipfel dieser Haltung. Daher glaube ich, dass es wichtig ist, Infrastrukturen zu schaffen, in denen die Anonymität zurückgenommen wird: Kreditplattformen, Wahrnehmung der Produzenteninteressen im Bereich Fair Trade,... Aber ich gehe mit dir, wenn du sagst: nicht der Markt ist das Problem und Markt ist nicht gleich Anonymität. Insofern wäre für mich ein Studienergebniss nicht: Markt und Ethik sind unvereinbar, sondern: Mit zunehmender Anonymität wird es schwieriger, ethische Aspekte in die Überlegungen miteinzubeziehen.


Ad 2) Auch hier muss ich dir im Prinzip zustimmen. Den Begriff Egoismus hab ich insofern etwas anders gebraucht, als für mich egoistische Motive solche sind, bei denen die Bedürfnisse/Interessen der anderen beteiligten Personen ausgeblendet werden. Egoismus wird generell als „Ich-Bezogenheit“, „Ich-Sucht“, „Selbstsucht“, „Eigenliebe“ verstanden (Wikipedia). Daher würde ich "egoistische" von "individuellen" Motiven unterscheiden. Das heisst: Motive sind generell individuell - da gebe ich dir recht, aber sie sind nicht generell egoistisch. Und da komme ich wieder zum Thema Markt und Anonymität: Die Anonymität (nicht der Markt) erschwert es, die Bedürfnisse der anderen zu sehen und damit auch, sie zu berücksichtigen.


Zur Frage, ob Markt und Ethik unvereinbar sind, könnte man daher sagen: nein, das sind sie nicht, aber insofern Märkte derzeit ein hohes Mass an Anonymität aufweisen, ist es eine grosse Herausforderung, die Interessen anderer zu sehen und anschliessend zu berücksichtigen.



Wir kommen uns Näher
30.07.13
Ralf

"Zur Frage, ob Markt und Ethik unvereinbar sind, könnte man daher sagen: nein, das sind sie nicht, aber insofern Märkte derzeit ein hohes Mass an Anonymität aufweisen, ist es eine grosse Herausforderung, die Interessen anderer zu sehen und anschliessend zu berücksichtigen." Diese Definition gefällt mir.


Fraglich bleibt woher es kommt, dass wir menschliche Probleme versuchen durch Delegation auf Systeme zu lösen. Ich bleibe beim Beispiel aus Indien (bei meinem Mikrofinanzierungspraktikum). Der lokale Geldverleiher ist bestens in die Community intergriert. Es ist ihm aber total egal, dass seine 50% oder 100% Zinsen die Familien rundherum in den Abgrung führen. Ich glaube das dieses Sehen und Berücksichtigen der Interessen Anderer letztlich nur eine Bewußtseinsfrage ist. Das System ist faktisch egalt. Menschen - wie du - suchen dann Lösungen im Großen. Aber das glaube ich klappt nicht mit wirtschaftlichen Systemen. Dazu brauchst Bewußtseinsbildung - Zuhause, in der Schule, in der Kirche.....


 



Systeme und Bewusstsein
18.08.13
Max

Ich gebe dir recht: Die Frage des Bewusstseins und der Bildung sind essentiell. Wenn mich direkt wahrgenommenes Leid kalt lässt (der indische Geldverleiher) Fehlt jede Grundlage. Die Frage der Systeme und der Anonymität sind aber ein zweiter Faktor: Wenn ich das Leid anderer nicht wahrnehme (weil Beziehungen anonymisiert sind) ist es auch schwerer es zu rezipieren. Selbst wenn jemand betroffen ist, wenn er Leid wahrnimmt (Bewusstsein/Bildung) muss er nicht Betroffen sein von Leid das er verursacht aber nicht wahrnimmt. Es ist quasi ein weiterer Bewusstseinsschritt nötig, um Leid in anonymen Systemen zu berücksichtigen. Mir ist die Frage, ob die direkte Wahrnehmung nicht zugleich bewusstseinsbildend ist und damit Teil der Bildung.



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