Ethik

Ethik III: Reality Bites

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SchwachSuper 

„Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!“[1]

Wo findet sich der sich zum „aus sich rollenden Rad“ befreite Mensch wider? Ist er im Paradies und das Drama der Abhängigkeiten ist vorüber? Nein, indem der Mensch in seine eigenen Schuhe steigt nimmt das Drama erst seinen Lauf. Die Wege die er jetzt geht sind seine eigenen Wege. Er schreibt Geschichte – seine Geschichte. Er schreibt sie als Teil einer Gesellschaft die hervorgebracht hat, was er jetzt weiterformt. Er kann nur gestalten, was von dieser Gesellschaft wiederum aufgenommen wird.

Die romantische Vorstellung einer ungebundenen, freien Selbstverwirklichung ist eine Illusion. Der extrem hohe Grad der Standardisierung und Normierung in wirtschaftlichen Prozessen, die hohe und weiter zunehmende Regulationsdichte und das definierte und abgegrenzte Methodeninventar sind die derzeit herrschenden Faktoren. Sie bieten keinen Platz und keine Angriffsfläche für Individuen. Hier treffen zwei Trends aufeinander: Standardisierung und Regulation treffen auf Individualisierung. Es scheint keinen Ausweg zu geben. Ein scheinbarer Ausweg besteht immerhin darin, selbst zu regulieren oder Standardisieren. Aber was ist damit gewonnen? Die Wüste Wächst…

Wie können meine Ideen und meine Visionen in einem Stück Realität Fuß fassen ohne korrumpiert zu werden? Das Tatsächliche ist immer eine Korruption der eigenen Werte und Visionen. Man könnte auch sagen, eine Korrektur derselben. Was ist der Wert meiner Visionen, wenn sie nicht ein Stück Realität befruchten? Wie hat es Goethe formuliert: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“

Das Drama ist wohl die Geschichte des Spieles zwischen dem moralischen Motiv in mir, dem gestirnten Himmel über mir und den irdischen Tatsachen außer mir.



[1] Nietzsche, F. (1999): Also sprach Zarathustra IV, Die Wüste 2. München/New York: dtv/de Gruyter.

Halb leer oder dreiviertel voll?
09.11.12
Ralf

Leben wir (Österreich, Schweiz, Akademiker, Gesund,..) gerade nicht in einem goldenen Zeitalter? Soviel Selbstbestimmung wie heute war noch nie möglich. Die Gesellschaft (inkl. Wirtschaft) besteht aus vielen Milieus, die doch jedem seinen Teich zur Verwirklichung seiner Vision bieten. Wenn die Vision Geld machen ist, dann gibt’s Platz im Investmentbanking, wenn die Vision Mitmenschen zu helfen ist, dann engagiere mich für eine NGO, wenn ich Selbstständig sein will dann schnapp ich mir Förderungen ohne Ende und werde Jungunternehmen usw. Dazu gibt es ein sehr hohes Maß an sozialer Freiheit. Familienform, Religion und Hobbies sind frei wählbar und gestaltbar.


Restriktionen gibt’s, klar. Alle Wünsche und Visionen auf einmal sind nicht umsetzbar bzw. wird die Umsetzung schwieriger (Zb. Ich möchte als Familienvater viel Zeit mit meinen Kindern verbringen, einen großen Freundeskreis haben, viel verdienen, und einer großen Zahl Menschen helfen, oder ich möchte zuerst Handwerker und dann mit Mitte 40 Universitätsprofessor für Mathematik werden und mit Mitte 60 dann doch Großunternehmer) Natürlich gibt’s auch das soziale Gegenüber, das ebenso frei ist und meine Visionen nicht mittragen muss. Das Gesetz der großen Zahl (>5 Mrd. Menschen) macht es (leider) jeder Vision möglich ein paar Mitstreiter zu finden.            Die größte Restriktion bin ich selbst und dort liegt der Schlüssel und nicht in der Gesellschaft (in unseren Ländern) die mir Restriktionen auflegt.



Qualitäten vs. Opportunitäten
10.11.12
Max

Aus der Perspektive Deines Beitrages geb ich Dir 100% recht. Der Opportunity-Space ist so gross wie nie zuvor. Alle Möglichkeiten stehen uns offen. Der Beitrag Reality Bites bezieht sich aber auf eine andere Betrachtung: die Qualität des jeweils lebbaren. Es kommt nicht sehr darauf an, welche Tätigkeit ich wähle. In der Regel treffe ich auf einen hohen Normierungsgrad. Egal ob Ausbildungen, Vorschriften, Prozesse, Bedingungen der Effizienz - der Tätige muss sich mit seiner Vision in diese Bedingungen zwängen. Ein grosser Teil der Tätigkeit ist standardisiert und läuft innerhalb vorgeschriebener Bahnen. Lehrer halten sich an Lehrbücher, Banken an Gesetze, Ärzte an Routinen und Fabriken ersetzen das Handwerk.


Damit möchte ich nicht gesetzliche Regeln und standardisierte Verfahren kritisieren, weil das in einer arbeitsteiligen Gesellschaft natürlich sinnvoll ist. Aus der Perspektive des freien Geistes, der sein Leben gestalten will, wie er das für richtig hält, ist es aber eine Ernüchterung. Im Beitrag hab ich das auch Korrektur genannt. Auch das Tatsächliche ist natürlich Bedingung, nicht nur die Vision und die Idee. Man könnte ja mit gleichem Recht die Perspektive des tatsächlichen einnehmen und die Ideen und ständig neuen Visionen und Entwicklungen als "Störenfriede" kritisieren - aber das war hier nicht die Perspektive. Aus der Perspektive des freien Geistes könnte man die Bedingungen des Tatsächlichen als narzisstische Kränkung bezeichnen. Man könnte so weit gehen zu sagen, dass es die narzisstische Kränkung schlechthin ist, sich überhaupt in Situationen (im Tatsächlichen) verhalten zu müssen.



Das Tatsächliche ist Teil von uns
11.11.12
Ralf

Ich sehe zwei Themenkreise. Erstens das Spannungsfeld zwischen den Vorstellungen (Visionen) des Individuums und dem Tatsächlichen/dem Sozialen. Die Diskussion in Denken III trifft meiner Meinung nach dieses theoretische Wechselspiel. Wieso theoretisch? Weil ich denke, dass diese Extreme nicht gibt. Der Mensch ist Teil des Sozialen. Die narzisstische Kränkung ist eine Illusion der Ratio des "Ich denke also bin ich [isoliert]". Das Man (das Soziale) ist ein Existenzial des Menschen. Ein geistiges Loslösen vom Sozialen ist eine Illusion…. Der zweite Punkt auf den meine Antwort abgespielt hatte war die Frage wo, wir heutzutage in diesem Spannungsfeld zwischen Ich und dem Sozialen stehen. Ich hatte das Gefühl, dass du die höhere Normierung als eine Verschiebung hin zum Sozialen dem Man (sprich weniger Freiheit) interpretierst. Ich denke aber, dass wir heutzutage trotz aller Regeln deutlich mehr Raum für unsere Handlungen haben. Auch wenn wir sie Opportunitäten nennen, den diese sind die Voraussetzung für die Qualitäten. Ja du hast Recht, mit der Grad der Entwicklung steigen die Normen und Regulierungen. Banken sind ein gutes Beispiel. Heutzutage ist das Korsett der Regulierungen deutlich höher als früher. Gleichzeitig ist aber auch der Möglichkeitsraum durch Innovationen gewachsen.



Das Spiel
11.11.12
Max

Im Leben mischen sich die beiden Ebenen - oder besser gesagt, sie spielen miteinander. Erst wenn ich das Tatsächliche nicht mehr als wertvoll akzeptiere, komme ich in die (illusorische) narzisstische Kränkung. Worauf es ankommt, ist die ständige Durchdringung meines geistigen mit meinem physischen Teil: Ideen in die Wirklichkeit bringen und durch die Wirklichkeit meine Ideen fruchtbar machen.



Langweilig und Chaotisch....
12.11.12
Ralf

Volle Zustimmung.
Außerdem würde es langweilig werden ohne den Widerstand des "Tatsächlichen". Stelle dir vor, dass alle unsere Visionen unmittelbar umsetzbar wären. Nach 5 Tagen wäre es mit den Visionen aus und dann? Himmlische Seeligkeit, weil alles so ist wie wir wollten oder todesähnliche Langweile aufgrund  mangelnder Herausforderungen und Ziele. Gleichzeitg aber auch ziemlich chaotisch: 5 Mrd. Menschen mit Vorstellungen die diese in der Minute umsetzen, wobei sich all diese Vorstellungen wiederum gegenseitig beeinflussen und stören. Uff.....


Im [Brand Dezember 2012, S. 60] findet sich ein feiner Dialog Arnold Retzer und Wilhelm Schmid mit verwandeten Themen. ..."Menschen sind stark geprägt von Ihrer Natur,von Ihren Genen, auf die bis auf weiteres keinen Einfluss haben. Sie sind geprägt von ihrer sozialen Umwelt. Von diesen Prägungen können sie sich nicht beliebig befreien. Es kommt darauf an, die kleine Lücke der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten zu finden". Schicksal ist ein Existenzial und Armori Fati gehört zur Lebenskunst...



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